Viertes Kap. Bezieh. d. Staatslehre z. Gesamtheit d. Wissenschaften, 1:15
sellschaftlichen Machtverhältnisse von der sozialen Vorherrschaft
und der staatlichen Herrschaft abgedrängten Gruppen bilden die
Grundlage der reaktionären Parteien, die Gruppen, bei denen
staatliche und soziale Herrschaft sich decken, sind die konser-
vativen Parteien, die noch nicht herrschenden, je nachdem sie
näher oder weiter von. der Herrschaft entfernt : sind, ‚die fort-
schrittlichen und die radikalen Parteien. Daraus ergibt sich auch
die Tatsache, daß dort, wo staatlich ' herrschende Parteien zu-
gleich die soziale Vorherrschaft haben, sie der Stabilität der ge-
gebenen staatlichen Herrschaft günstig sind, während' nach der
staatlichen Herrschaft 'strebende Parteien diese nur durch Ände-
rung der vorhandenen: Ordnung erreichen und behaupten können.
Daher sind extreme, von der 'sozialen Vorherrschaft entfernte
Parteien jeder Art ‘der bestehenden Ordnung feindlich gesinnt
und der Entfesselung gebundener individueller Kräfte geneigt.
Je ausgeglichener die sozialen Gegensätze innerhalb eines
Volkes sind, desto weniger schroff‘ wird der Parteikampf, desto
einfacher die Parteigliederung sein. \enn die angelsächsischen
Staaten vor der Parteizersplitierung des‘ europäischen Kontinen-
tes bewahrt sind, so ist das’ nicht zum geringsten der größeren
Gleichartigkeit ihrer Gesellschaft zu danken. Da aber dort die
ganze Organisation und das Leben des Staates innig mit dem
Parteileben verknüpft ist, ja zum großen Teil auf ıhm ruht, so
müssen sich die Parteien zum Zweck sowohl des politischen’ Kamp-
fes um die Herrschaft als auch der Behauptung ihres Besitzes
fortwährend umbilden und erhalten. Die beiden großen abwech-
selnd herrschenden Parteien in diesen Staaten spielen mehr
Parteirolle, ‘als daß sie. den Charakter wirklicher, auf feste, dau-
ernde politische «Ziele gerichteter, programmäßig miteinander ver-
bundener Volksgruppen hätten. Namentlich in Amerika zeigt
sich 'bereits dieser Mangel eines prinzipiellen Gegensatzes zwi-
schen den’ Parteien, die‘ ihre ‘Forderungen den wechselnden Be-
dürfnissen des Täges anzupassen verstehent!). Doch ist auch
dort dafür gesorgt, daß solcher Zustand nicht ein immerwähren-
der ıst. Denn eine völlig homogene Gesellschaft wäre nicht
mehr imstande, dauernde Parteigegensätze in sich zu bergen.
Neben diesen großen, fast könnte man sagen: notwendigen
Parteien gibt es auch zufällige, mit vorübergehenden Tendenzen,
1) Sombart Warum gibt es in den Vereinigten Staaten ' keinen
Sozialismus? 1906 S. 63 ff.
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