Full text: Allgemeine Staatslehre

116 Erstes Buch. Einleitende Untersuchungen. | 
ferner unechte Parteien, d.h. solche, die nicht in den allgemeinen 
Verhältnissen eines jeden Volkslebens, also namentlich der 
Klassen-, Standes- und Berufsschichtung, sondern in den eigen- 
tümlichen Verhältnissen des Einzelstaates ihren Grund haben. 
Zufällige Parteien sind solche, welche in Wahrheit keine Ziele 
der Staatsordnung selbst, sondern individuelle Interessen ver- 
folgen, so z.B. wenn zwei Thronprätendenten Anhänger in allen 
Volksschichten finden, die monarchische Staatsordnung selbst 
daher und die anderen bestehenden Institutionen. außer Frage 
stehen. Zur zweiten Art zählen nationale und religiöse Parteien. 
Sie sind unechte Parteien, weil jede echte Partei ein bestimmtes 
umfassendes Programm für die Gestaltung des Staates haben 
muß, was weder vom Standpunkte einer bestimmten Nationalität 
noch von dem einer bestimmten Religion aus ınöglich ist. Frag- 
mentarische Parteien verdienen die genannt zu werden, die nur 
eine Einzelfrage lösen wollen, aber durch keine Anschauufig über 
die gesamte staatliche Politik zusammengehalten werden. Sie 
pflegen am häufigsten in Staaten mit großer Parteizersplitterung 
aufzutreten, namentlich dort, wo ein Volk von einseitiger Inter- 
essenpolitik beherrscht wird. Solcher Art sind z B. Freihändler 
und Agrarier. Im großen und ganzen werden aber auch diese 
fragmentarischen Parteien, trotzdem sie häufig disparate Ele- 
mente enthalten, einer oder der anderen der oben gezeichneten 
großen Gruppen zugezählt werden können. Diese Gruppen, 
welche Wandlungen sie immer durchmachen, sind das Bleibende 
im Parteileben, während alle zufälligen und fragmentarischen 
Parteien begrenzte Lebensdauer haben. 
Das politische Parteileben ist somit, vom Standpunkte der 
Gesellschaftslehre betrachtet, der Kampf der Gesellschaft um die 
staatliche Herrschaft. Das erklärt auch schließlich die merk- 
würdige Erscheinung, daß die notwendigen Parteien in den ver- 
schiedenen Staaten sich dieselben Namen oder doch Beinamen 
(konservativ, liberal, demokratisch, radikal usw., die Bezeichnung 
reaktionär wird allerdings vermieden) geben, trotzdem die Ziele 
der gleichbenannten Parteien in den einzelnen Staaten sich so 
differenzieren, wie diese Staaten selbst in ihrer geschichtlichen, 
nationalen, kirchlichen, ökonomischen Gestaltung unterschieden 
sind. 
9. Von hoher Bedeutung für die Staatenbildung und den 
Aufbau sowie die Schicksale der Staaten sind die nationalen
	        
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