Full text: deutsches Wörterbuch. Zweiter Band H-O. (2)

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Pfeifen, Küssen, das maul wässert dem Lüsternen; der 
uUnzufriedene, Mürrische hängt, verzieht das maul; wenn 
du die achsel zuckst oder das maul krümmst Schiller 
Räub. 2, 1; Margretlein zog ein schiefes maul Goethe 
Faust I; dafür auch: wenn sie mäuler 2og und schimptte 
Wieland Liebe um Liebe 1, 96; das maul aufsperren, 
neugierig, verwundert: menschen, die vor verwunderung 
maul und augen aufsperrten Simpl. 3, 183, auch maul 
und nase; grosze augen und halb offne mäuler nach 
der bühne bingekehrt Wieland Nachlaß des Diog. 
34; das maul aufreiszen, aufsperren beim Gähnen; bei 
Verlangen: was sperrest du denn den leuten das maul 
auf mit solchen worten Luther 6, 43°5; nach dem Essen 
das maul wischen: das maul gewischt! Garg. 40; mit 
der Nebenbed. des heimlichen Fortgehens, ohne Dank: 
das maul wischen und davon gehen Frisch; bildlich: 
ehebrecherin, die verschlinget und wischet jr maul, 
und spricht, ich hab kein ubles gethan Spr. Sal. 
30, 20; in anderm Sinne, ohne etwas zu bekommen: 
muss sich Rieke in Stuttgart das maul wischen Immer- 
mann Münchh. 3, 158; seine arme junge frau die 
musz zu hause mit trocknen maule sitzen Weiße kom. 
Op. 3, 197; einem das maul fullen, ihn gut füttern; 
geschwelgt., dasz die mäuler trieken Keller Werke 
6, 122; nach der Fabel vom Schlaraffenland: auch 
fliegen umb . . gebraten huner, gens und tauben: wer 
sie nicht facht und ist so faul, dem fliegen sie selbs 
in das maul H Sachs Spruchged. 31, 36; einem die 
bissen ins maul zählen, bei großem Geiz, einem etwas 
vor dem maule wegnehmen (Joel 1, 5), wegschnappen; 
bildlich einem das maul schmieren, schöne Versprechungen 
geben; das maul verbrennen, eigentlich beim heißen Essen, 
übertragen auf voreiliges Reden: wenn sie (Pocten) 
sich das maul verbrennen Günther 1050; wer Ubles 
spricht, hat ein loses, böses, unnutzes, gottloses maul, 
schandmaul; weil er so ein wust maul hat Garg. 81; 
nicht aufs maul gefallen sein, seine Zunge zu brauchen 
wissen; wo in aller welt bringst du das maul her? 
Schiller Kab. 1, 7; das maul steht ihm nicht still; 
vom Prahler: bei nackten nonnen bast du ein groszes 
maul Schiller Räub. 2, 3; der mann nimmt das maul 
gar zu voll Lessing Brief 1768; cinem üubers maul 
tahren, ihn barsch zum Schweigen weisen; das maul 
verbieten; wir . Fverden uns nicht das maul ver- 
binden lassen Heyse 5, 71; cinom auf dem maule 
herumtrommeln; ich wolt dir auf deim maul pald 
danzen H Sachs Fastn. Sp. 2, 78; einem das maul 
stopfen (Matth. 22, 34), machen daß er nicht mehr wider 
etwas reden kann; das maul zu balten (Sir. 5, 14), 
schweigen, jetzt Aus maul balten; als grobe Aufforderung: 
halts maul, sag ich! Grillparzer 9, 229; einen auts 
maul schlagen (Ap. Gesch. 23, 2), Strafe für übles Ge- 
schwätz; bildlich: einen mit seinen cigenen wortcn aufs 
maul schlagen Steinbach; sich in der leute münler 
bringen, ins Geschwätz; bin wust genug den leuten in 
den mäulern umgangen Fischart podagr. Trostb. H 22; 
nach dem maule reden, was einem angenehm ist: um 
jedem nach dem maule zu reden Goethe W. Meister 
5, 6; oinem aufs maul schen, beobachten wie er redet: 
da er wie Luther den bauern und den kindern auf 
das maul sah, so gelang ihm auch mancher gluckliche 
griff (bei Wortschöpfungen) Treitschke 1, 307; u. a.; 
— maul, vom Inhaber desselben, dem Verzehrer: bettelei 
schmeckt wol dem unverschampten maul Sir. 40, 31; 
zwanzig mäuler zu versorgen haben Steinbach; dem 
Schwätzer: die ohrenbleser und falsche bösc meuler 
Sir. 28, 15; ungewaschen maul! (Jetter zu Vansen) 
Goethe Egm. 4; vgl. auch die Zusammensetzungen 
grosz-, lecker-, lügen-, nasch-, schandmaul u. a.; — 
maul für einen Kuß, hier lieber im Dim., namentlich 
bei Dichtern des 18. Ih. in traulicher Nede: ich will 
Ihnen ein mäulchen geben Gellert Betschwest. 3, 5; 
Maulaffe — Maulwurf. 768 
ein leicht gestohlnes mäulchen Goethe der Abschied; 
— übertragen auf Offnungen an Dingen; Mündung 
einer Pistole Hebel 2, 133; an Hobeln, die Offnung 
unten, woraus das Eisen geht; früher am Steinschlosse 
eines Schießgewehrs, der Teil des Hahns, der den 
Feuerstein hält; am Schraubstock die Offnung zwischen 
beiden Backen; bei Scheren und Zangen Offnung zwi- 
schen beiden Flügeln; Ausguß an einem Geschirr. — 
Zusammensetzungen: Manlaffe, m. Affe mit großem 
oder offenem Maule, Bild für einen glotzenden oder 
gaffenden Menschen, älter, mhd. muntatte; wohl zunächst 
bezogen auf die grotesken wasserspeienden Figuren an 
Kirchen in Affengestalt und ähnliche Holzbilder an 
gothischen Häusern und Möbeln; feit 15. Ih. Schimpf- 
wort: ir kelber, tortschen und maulaffen Fastn. Sp. 
539, 18; bist du ein maulaffe Weiße kom. Op. 3, 50; 
halbdenkern und äösthetischen maulaften Schiller 
2, 372 landschaftlich umgedeutet zu maulauf Schmeller; 
die nachfolgende Redensart lehnt witzig an den Bild- 
hauer an, der jene grotesken Figuren verkauft, verhüllt 
aber damit den Gaffenden und GElotzenden selbst: maul- 
affen feil haben, hietare, oscifare, Moras nectere 
Stieler. — maulfaul, faul mit dem Maule, im Reden: 
sasz ich maulfaul vor der werkstatt Gaudy Erz. 96; 
bei Campe faul im Verzehren: nicht maulfaul sein, 
brav essen. — Maulheld, m. Held mit dem Maule, 
Schwätzer, Prahler: auftritt (Zank) mit dem manlhelden 
Keller Werke 8, 87. — Maulklemmec, k. Krankheit der 
Maulsperre. — Maulkorb, m. korbartiges Gerät für 
bissige Tiere: hunde sollen ohne maulkorb nicht herum 
laufen; übertragen: ich legt auch einen maulkorb an 
umb meinen mund (mich vor Reden zu hüten) Opitz 
Psalm. 39, 1. — maulrecht, recht für das Maul; zum 
Essen: langt zu es ist alles schon maulrecht Weiße 
kom. Op. 3, 116; zum Reden: angemessene, deutliche 
und maulrechte theatersprache Schiller an Goethe, 
23. Oct. 1798. — Maurlschelle, k. Neckname für einen 
schallenden Schlag auf das Maul; zufrühest in latini- 
sierter Form, wohl aus Schüler= oder Studentenkreisen: 
ein maulschellium Luther Tischr. 308b5; dann in ein- 
heimischer: wenn du eim giebst ein pahr maulschelln 
Wassmannsdorff Fechtschulen 31° (v. 1614); maul- 
schellen und stösze und fusztritte Wieland Sylv. 7, 3; 
Amalia gicbt ihm eine maulschelle Schiller Ränb. 
3, 1. Landschaftlich auch Name eines Gebäcks. — Maul- 
sperre, f. Manlklemme. — Maultasche, f. Maulschelle, 
Schlag aufs Maul: hat er ihr ein maultaschen 
versetzt Abraham a SeClara Jundas 1, 22; land- 
schaftlich anch Name eines Gebäcks. — Maultrommel, k. 
eisernes Tongerät mit elastischer Zunge, zwischen den 
Zähnen zu halten und zu spielen, Brummeisen. — 
Maurvoll, u. so viel ein Manl in sich fassen kann, Zu- 
sammenrückung wie handvoll (s. d.): ein maulvoll zähne 
Logan 1, 197, 8; ein maulvoll gras Immermann 
Münchh. 3, 73. — Manlwerk, n. in derber Rede für die 
Gabe geläufig zu reden: er hat ein gutes maulwerk. — 
Manlwurf, m. Name des kleinen vierfüßigen, Erde auf- 
werfenden Tieres; umgedentet aus ahd. multwurf, mhd. 
multwert, moltwerle — Erdauswerser (ahd. molta. molt, 
mhd. molte — Erde); schon früh landschaftlich ver- 
stümmelt (ahd. z. B. muwers. muwerso), seit 13. Ih. 
als mülwerk erscheinend, eine Form, die noch im 16. Ih. 
häufig ist: leiszer hören die maulwerten (als der Mensch) 
Eppendorff Plin. 91; gedachte maulwerf und ruben- 
telber oder schantzgräber Garg. 53; auch: dic talpac oder 
maulwirf Albertinus Landstörzer 165; bei Luther 
manlworf 3. Mos. 11, 30; Plur. meulwurte mit der 
Variante manlwurke Jes. 2, 20; seit 17. Ih. steht die 
heutige Form fest: maulwurf Stieler; dic maulwurse 
und mäuse des feldes Freytag Ahnen 1, 351; bildlich 
für einen wühlenden Menschen; dazu maulwurfsarbeit 
verrichten; — maulwurfslünger, -haufen.