767 Maul.
Pfeifen, Küssen, das maul wässert dem Lüsternen; der
uUnzufriedene, Mürrische hängt, verzieht das maul; wenn
du die achsel zuckst oder das maul krümmst Schiller
Räub. 2, 1; Margretlein zog ein schiefes maul Goethe
Faust I; dafür auch: wenn sie mäuler 2og und schimptte
Wieland Liebe um Liebe 1, 96; das maul aufsperren,
neugierig, verwundert: menschen, die vor verwunderung
maul und augen aufsperrten Simpl. 3, 183, auch maul
und nase; grosze augen und halb offne mäuler nach
der bühne bingekehrt Wieland Nachlaß des Diog.
34; das maul aufreiszen, aufsperren beim Gähnen; bei
Verlangen: was sperrest du denn den leuten das maul
auf mit solchen worten Luther 6, 43°5; nach dem Essen
das maul wischen: das maul gewischt! Garg. 40; mit
der Nebenbed. des heimlichen Fortgehens, ohne Dank:
das maul wischen und davon gehen Frisch; bildlich:
ehebrecherin, die verschlinget und wischet jr maul,
und spricht, ich hab kein ubles gethan Spr. Sal.
30, 20; in anderm Sinne, ohne etwas zu bekommen:
muss sich Rieke in Stuttgart das maul wischen Immer-
mann Münchh. 3, 158; seine arme junge frau die
musz zu hause mit trocknen maule sitzen Weiße kom.
Op. 3, 197; einem das maul fullen, ihn gut füttern;
geschwelgt., dasz die mäuler trieken Keller Werke
6, 122; nach der Fabel vom Schlaraffenland: auch
fliegen umb . . gebraten huner, gens und tauben: wer
sie nicht facht und ist so faul, dem fliegen sie selbs
in das maul H Sachs Spruchged. 31, 36; einem die
bissen ins maul zählen, bei großem Geiz, einem etwas
vor dem maule wegnehmen (Joel 1, 5), wegschnappen;
bildlich einem das maul schmieren, schöne Versprechungen
geben; das maul verbrennen, eigentlich beim heißen Essen,
übertragen auf voreiliges Reden: wenn sie (Pocten)
sich das maul verbrennen Günther 1050; wer Ubles
spricht, hat ein loses, böses, unnutzes, gottloses maul,
schandmaul; weil er so ein wust maul hat Garg. 81;
nicht aufs maul gefallen sein, seine Zunge zu brauchen
wissen; wo in aller welt bringst du das maul her?
Schiller Kab. 1, 7; das maul steht ihm nicht still;
vom Prahler: bei nackten nonnen bast du ein groszes
maul Schiller Räub. 2, 3; der mann nimmt das maul
gar zu voll Lessing Brief 1768; cinem üubers maul
tahren, ihn barsch zum Schweigen weisen; das maul
verbieten; wir . Fverden uns nicht das maul ver-
binden lassen Heyse 5, 71; cinom auf dem maule
herumtrommeln; ich wolt dir auf deim maul pald
danzen H Sachs Fastn. Sp. 2, 78; einem das maul
stopfen (Matth. 22, 34), machen daß er nicht mehr wider
etwas reden kann; das maul zu balten (Sir. 5, 14),
schweigen, jetzt Aus maul balten; als grobe Aufforderung:
halts maul, sag ich! Grillparzer 9, 229; einen auts
maul schlagen (Ap. Gesch. 23, 2), Strafe für übles Ge-
schwätz; bildlich: einen mit seinen cigenen wortcn aufs
maul schlagen Steinbach; sich in der leute münler
bringen, ins Geschwätz; bin wust genug den leuten in
den mäulern umgangen Fischart podagr. Trostb. H 22;
nach dem maule reden, was einem angenehm ist: um
jedem nach dem maule zu reden Goethe W. Meister
5, 6; oinem aufs maul schen, beobachten wie er redet:
da er wie Luther den bauern und den kindern auf
das maul sah, so gelang ihm auch mancher gluckliche
griff (bei Wortschöpfungen) Treitschke 1, 307; u. a.;
— maul, vom Inhaber desselben, dem Verzehrer: bettelei
schmeckt wol dem unverschampten maul Sir. 40, 31;
zwanzig mäuler zu versorgen haben Steinbach; dem
Schwätzer: die ohrenbleser und falsche bösc meuler
Sir. 28, 15; ungewaschen maul! (Jetter zu Vansen)
Goethe Egm. 4; vgl. auch die Zusammensetzungen
grosz-, lecker-, lügen-, nasch-, schandmaul u. a.; —
maul für einen Kuß, hier lieber im Dim., namentlich
bei Dichtern des 18. Ih. in traulicher Nede: ich will
Ihnen ein mäulchen geben Gellert Betschwest. 3, 5;
Maulaffe — Maulwurf. 768
ein leicht gestohlnes mäulchen Goethe der Abschied;
— übertragen auf Offnungen an Dingen; Mündung
einer Pistole Hebel 2, 133; an Hobeln, die Offnung
unten, woraus das Eisen geht; früher am Steinschlosse
eines Schießgewehrs, der Teil des Hahns, der den
Feuerstein hält; am Schraubstock die Offnung zwischen
beiden Backen; bei Scheren und Zangen Offnung zwi-
schen beiden Flügeln; Ausguß an einem Geschirr. —
Zusammensetzungen: Manlaffe, m. Affe mit großem
oder offenem Maule, Bild für einen glotzenden oder
gaffenden Menschen, älter, mhd. muntatte; wohl zunächst
bezogen auf die grotesken wasserspeienden Figuren an
Kirchen in Affengestalt und ähnliche Holzbilder an
gothischen Häusern und Möbeln; feit 15. Ih. Schimpf-
wort: ir kelber, tortschen und maulaffen Fastn. Sp.
539, 18; bist du ein maulaffe Weiße kom. Op. 3, 50;
halbdenkern und äösthetischen maulaften Schiller
2, 372 landschaftlich umgedeutet zu maulauf Schmeller;
die nachfolgende Redensart lehnt witzig an den Bild-
hauer an, der jene grotesken Figuren verkauft, verhüllt
aber damit den Gaffenden und GElotzenden selbst: maul-
affen feil haben, hietare, oscifare, Moras nectere
Stieler. — maulfaul, faul mit dem Maule, im Reden:
sasz ich maulfaul vor der werkstatt Gaudy Erz. 96;
bei Campe faul im Verzehren: nicht maulfaul sein,
brav essen. — Maulheld, m. Held mit dem Maule,
Schwätzer, Prahler: auftritt (Zank) mit dem manlhelden
Keller Werke 8, 87. — Maulklemmec, k. Krankheit der
Maulsperre. — Maulkorb, m. korbartiges Gerät für
bissige Tiere: hunde sollen ohne maulkorb nicht herum
laufen; übertragen: ich legt auch einen maulkorb an
umb meinen mund (mich vor Reden zu hüten) Opitz
Psalm. 39, 1. — maulrecht, recht für das Maul; zum
Essen: langt zu es ist alles schon maulrecht Weiße
kom. Op. 3, 116; zum Reden: angemessene, deutliche
und maulrechte theatersprache Schiller an Goethe,
23. Oct. 1798. — Maurlschelle, k. Neckname für einen
schallenden Schlag auf das Maul; zufrühest in latini-
sierter Form, wohl aus Schüler= oder Studentenkreisen:
ein maulschellium Luther Tischr. 308b5; dann in ein-
heimischer: wenn du eim giebst ein pahr maulschelln
Wassmannsdorff Fechtschulen 31° (v. 1614); maul-
schellen und stösze und fusztritte Wieland Sylv. 7, 3;
Amalia gicbt ihm eine maulschelle Schiller Ränb.
3, 1. Landschaftlich auch Name eines Gebäcks. — Maul-
sperre, f. Manlklemme. — Maultasche, f. Maulschelle,
Schlag aufs Maul: hat er ihr ein maultaschen
versetzt Abraham a SeClara Jundas 1, 22; land-
schaftlich anch Name eines Gebäcks. — Maultrommel, k.
eisernes Tongerät mit elastischer Zunge, zwischen den
Zähnen zu halten und zu spielen, Brummeisen. —
Maurvoll, u. so viel ein Manl in sich fassen kann, Zu-
sammenrückung wie handvoll (s. d.): ein maulvoll zähne
Logan 1, 197, 8; ein maulvoll gras Immermann
Münchh. 3, 73. — Manlwerk, n. in derber Rede für die
Gabe geläufig zu reden: er hat ein gutes maulwerk. —
Manlwurf, m. Name des kleinen vierfüßigen, Erde auf-
werfenden Tieres; umgedentet aus ahd. multwurf, mhd.
multwert, moltwerle — Erdauswerser (ahd. molta. molt,
mhd. molte — Erde); schon früh landschaftlich ver-
stümmelt (ahd. z. B. muwers. muwerso), seit 13. Ih.
als mülwerk erscheinend, eine Form, die noch im 16. Ih.
häufig ist: leiszer hören die maulwerten (als der Mensch)
Eppendorff Plin. 91; gedachte maulwerf und ruben-
telber oder schantzgräber Garg. 53; auch: dic talpac oder
maulwirf Albertinus Landstörzer 165; bei Luther
manlworf 3. Mos. 11, 30; Plur. meulwurte mit der
Variante manlwurke Jes. 2, 20; seit 17. Ih. steht die
heutige Form fest: maulwurf Stieler; dic maulwurse
und mäuse des feldes Freytag Ahnen 1, 351; bildlich
für einen wühlenden Menschen; dazu maulwurfsarbeit
verrichten; — maulwurfslünger, -haufen.