Full text : Gesetzsammlung für das Fürstentum Reuss Jüngerer Linie. Siebenundwanzigster Band. 1910-1911. (27)

Willibald  Stavenhagen,  Das  Deutsche  Volksheer.  >85

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abgesehen  von  der  force  noire  in  Marokko,  Algerien  usw.°)  Umsomehr  hat  Deutschland,  dessen  Boden  seit  der
Völkerschlacht  von  Leipzig  kein  feindliches  Heer  mehr  betreten  hat  und  betreten  darf,  und  das  die  Kultur  der
weissen  Rasse  in  den  Zukunftskämpfen  mit  zu  erhalten  hat,  die  Pflicht,  den  friedlichen  Wettbewerb  mit  mächtigen
Nationen  um  den  Unterhalt  seines  Volks,  wie  den  Anteil  an  den  grossen  Kulturaufgaben  und  -Gütern  der  Menschheit
  sich  durch  einstarkes  Heerundeinewohlgerüstete  Flotte  zu  ermöglichen.  Wehr-  und  Volkskraft
fallen  zusammen,  und  ein  Reich  wie  das  deutsche,  das  durch  die  Armee  geschaffen  wurde,  kann  —  wie  alle  grossen
Dinge  —  auch  nur  durch  dieselbe  Schöpferkraft  erhalten  bleiben.

Leider  gibt  es  heute  viele  Momente,  die  uns  vom  Begriffe  des  Volksheeres  als  einer  Erziehungsschule  für
alle  Kreise  unserer  immer  wachsenden  Bevölkerung  nicht  nur  entfernen,  sondern  sogar  die  Armeeschwächen.
Nicht  nur  verhindern  volkswirtschaftliche  Gründe  eine  Steigerung  der  Heeresstärke  entsprechend  der  Volksvermehrung,
  sondern  bei  den  engen  Beziehungen  zwischen  der  politischen  und  sozialen  Entwicklung  des  Staatslebens
  zum  Heerwesen  hat  auch  der  Volks-  und  Zeitgeist  einen  grossen  Einfluss,  und  nur,  wenn  er  gesund  ist,
kann  es:  eine  gute  Armee  geben.  Ist  die  Nation  blühend  und  kernig,  zugleich  opferfreudig,  so  wird  auch  ihr  liebstes
Kind,  das  Volksheer,  gedeihen.  Zumal  in  Zeiten  langen  ‚‚bewaffneten‘‘  Friedens,  wo  die  Kriegsgewohnheit  und
Kriegsbegeisterung  immer  mehr  verloren  gehen  und  Kriegsmüdigkeit,  Weichlichkeit,  Üppigkeit  des  an  Kulturgenüssen
  überreichen  materiellen  Lebens,  sowie  eine  Art  Feminismus  an  ihre  Stelle  treten;  dadurch  einerseits,
dann  aber  auch  durch  das  Wohnungs-  und  Fabrikselend  den  kriegerischen  Geist  und  die  körperliche  Tüchtigkeit
des  Volkes  herabsetzen  und  besorgniserregend  weite  Kreise  der  Nation  erfüllen.  Der  ungünstige  Einfluss  des
grossstädtischen,  besonders  des  industriellen  Lebens  —  jeder  5.  Deutsche  ist  Grossstädter  —  wirkt  auf  die  Wehrfähigkeit,
  so  dass  z.  B.  in  Berlin,  wo  die  Abnahme  am  stärksten  ist,  die  Militärtauglichkeit  1908  nur  noch  34  v.  H.
(gegen  59  v.  H.  der  Gesamtheit  der  Städte  über  50  000  Einwohner  und  66,7  v.  H.  im  Elsass)  der  Geborenen
betrug.  1912  waren  von  den  endgültig  Abgefertigten  nur  55,5  v.  H.  der  in  der  Stadt  Geborenen  tauglich,  sofern
sie  Land-  und  Forstwirtschaft  trieben,  nur  50,75  v.  H.,  wenn  sie  andere  Berufe  ausübten.  Aber  auch  die  sonst
günstigere  Bedingungen  liefernde  Bevölkerung  der  auf  dem  Lande  Geborenen,  selbst  der  rein  landwirtschaftlichen
Volksmassen,  leidet  an  Unterernährung,  Landflucht,  Mangel  an  Mutter-  und  Säuglingsschutz  und  verliert  so  an
Tauglichkeit  (heute  nur  noch  60  v.  H.  und  überhaupt  sind  tauglich  nur  53  v.  H.  der  Abgefertigten)..  Dazu
kommt  der  Fall  der  Geburtenziffer  aus  wirtschaftlichen  Gründen,  d.  h.  die  absichtliche  Beschränkung  der  Kinderzahl
  (Neumalthusianismus),  nicht  etwa  die  Abnahme  der  physiologischen  Fruchtbarkeit.  Von  1906—11  ist  sie
um  4,6  vom  Tausend  geringer  geworden  und  auf  29,5  gesunken.  Seither  ist  der  Rückgang  des  Ueberschusses  noch
grösser  geworden,  obwohl  er  noch  immer  die  Zahl  der  Todesfälle  überwiegt  und  unsere  Bevölkerung  jährlich  noch
um  885  000  Köpfe  =  1,38  v.  H.  wächst,  so  dass  das  Heer  heute  noch  Menschenmaterial  genug  hat,  Auch  das
recht  zweifelhafte  Einjährig-Freiwilligen-Privileg,  das  hauptsächlich  den  besitzenden  Klassen  zugute  kommt,
ohne  doch,  wenigstens  in  der  bei  uns  üblichen  Form  der  Dienstleistung,  einen  guten  Nachwuchs  an  Reserveoffizieren
zu  gewährleisten,  und  das,  wie  alles  sogen.  ‚‚Berechtigungswesen‘,  zudem  erhebliche  pädagogiscre  und  soziale
Nachteile  hat,  durchbricht  den  Charakter  des  Volksheeres.  Die  Franzosen  haben  es  längst  mit  Recht  abgeschafft.

Beseitigung  vorallem  des  Wohnungselendes,  ferner  eine  gute,  staatlich  beeinflusste
Jugenderziehungin  Haus  und  Schule,  die  die  männliche  und  weibliche  Jugend  —  auch  auf  letztere  kommt
für  die  Wehrfähigkeit  ungemein  viel  an  —  sittlich,  geistig  und  körperlich  stählt,  ihr  den  Begriff  von  Pflicht  und
Autorität,  dann  "Herzensbildung  und  brüderliche  Gesinnung  beibringt,  dem  Kastenhochmut  entgegentritt  und
reinen  opferfreudigen  und  wahrhaft  vaterländischen  Geist  pflegt,  der  das  Ganze,  das  Volk  und  den  Staat,  nicht  die
Partei  und  die  Klasse  vor  Augen  hat,  zugleich  durch  gesunde  Leibesübungen,  massvollen  Sport  und  wirkliche
Körperkultur  der  Rassenentartung  vorbeugt,  sind  dringend  vonnöten.  Namentlich  auch  der  unehelichen
Kinder,  deren  Zahl  bedenklich  steigt,  muss  man  sich  früh  annehmen,  ihre  Verwahrlosung  durch  amtlich  zu  berufene
  freiwillige  Vormundschaft  verhüten  und  die  hier  wie  in  keinem  anderen  Staate  grosse  Sterblichkeit  zu
verhindern  suchen.

Nicht  minder  wichtig  ist  eme  bessere  Fürsorge  für  drealten  Soldaten  und  deren  Hinterbliebene,
  eine  Pietät,  an  der  es  uns,  besonders  bei  den  Altpensionären  und  Veteranen,  noch  sehr  fehlt.  Wird  diese
Ehrenpflicht  der  Nation  weiter  verabsäumt,  so  darf  man  nicht  hoffen,  dass  die  waffenfähigen  Leute  freudig  in  den
Kampf  ziehen  werden  und  innere  Zufriedenheit  im  Volke  herrscht.  Es  leidet  aber  auch  der  Offizier-  und  der
Unteroffizierersatz,  die  beide  eine  Lebensfrage  für  das  Heer  sind.  Besonders  der  Offizier,  soll  er  seine  geschichtlich
  gewordene  Stellung  behaupten,  muss  sich  aus  den  besten  Kreisen  der  Nation  ergänzen  und  durch  gute  Bezüge
und  ausreichende  Versorgung,  nicht  blos  durch  Pension,  sondern  später  auch  in  würdigen  Zivilstellungen,  vor  Not
geschützt  sein.  Auch  sein  militärisches  Wirken  Ist  ja  in  den  meisten  Fällen,  um  das  Offizierkorps  frisch  für  seine
schweren  Aufgaben  zu  erhalten,  nur  ein  Durchgangsberuf.  Möglichst  früh  hat  deshalb  ein  Ausmerzen  ungeeieneter
Elemente  zu  geschehen,  schon  um  ihnen  auch  noch  rechtzeitig  die  Wahl  eines  passenden  Berufs  zu  ermöglichen.
Ferner  darf  der  Offizier  nicht  zu  lange  in  untergeordneten  Stellen,  namentlich  der  aufreibenden  des  Kompagnie-Chefs
  weilen  und  dort  seine  Kraft  vorzeitig  verbrauchen,  wie  andererseits  auch  nur  in  der  Praxis  reich  erfahrene
Männer  in  die  leitenden  Führerstellen  gelangen  dürfen,  so  dass  nicht  aus  übertriebener  Sorge  vor  Überalterung
fähige  Offiziere  jüngeren,  aber  nur  mehr  oder  minder  theoretisch,  nicht  durch  die  Front  praktisch  gebildeten
Kameraden  weichen  müssen.  Altersgrenzen  sind  vom  Übel,  es  kann  nurindividuell  verfahren  werden.  Das

 

 

 

 

 

6)  Schon  Friedrich  der  Grosse  hat  bei  nur  2%,  Millionen  Einwohnern  des  damaligen  Preussens  eine  wesentlich
  stärkere  Armee  verhältnismässig  unterhalten,  als  das  heutige  Deutsche  Reich.  Ebenso  waren  die  Aufgebote
des  halb  ohnmächtigen  Preussen  1813  weit  zahlreicher  und  ermöglichten,  einen  Napoleon  niederzuringen,