Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 1.

210  Klenzes  Lügenhaftigkeit.  Ein  Nachgeben  der  Regierung?  Wagener.

deutige  Licht,  in  welchem  ich  durch  die  anscheinend  von  guten  Gewährsleuten  herrührenden
Zeitungsartikel  erscheine,  veranlaßt  worden  bin,  noch  die  Vermuthung  g.  mitzutheilen,  daß
ich  die  Insinuationen,  welche  dem  Prinzen  über  mich  gemacht  sind,  für  wissentliche  Entstellungen
  von  Klentze  halte.  Dieser  sieht  in  mir  fortwährend  eine  verkörperte  Junker-Conspiration
  gegen  die  Hanöversche  Verfassung,  seit  dem  Tage,  wo  zuerst  hier  im  Bundestage
  über  die  Eingabe  der  hanöverschen  Ritterschaft  abgestimmt  wurde.  Er  kam  damals
eine  Stunde  vor  der  Sitzung  zu  mir  und  drohte  mit  Lösung  des  Septembervertrages,  wenn
wir  nicht  gegen  die  Ritterschaft  stimmten.  Die  Drohung  blieb  in  Folge  meiner  Instructionen
fruchtlos,  und  das  Votum  gegen  die  damalige  Regirung  erfolgte  mit  9  Stimmen,  worunter
  die  meinige,  gegen  8.  K(lenze)  ist  überhaupt,  wie  E.  E.  nicht  fremd  sein  wird,  aus
Eitelkeit  und  aus  Geschmack  an  der  Sache  selbst,  lügenhaft  und  intrigant,  und  es  ist  leicht
möglich,  daß  er  Platen,  obschon  der  nicht  glaubwürdiger  ist,  mehr  aufbürdet,  als  dieser  geschrieben
  hat.  Mir  ist  eine  Ehrenrettung  in  der  officiösen  Presse  ein  Bedürfniß,  weil  ich
sonst  bei  Freund  und  Feind  Consideration  und  fidem  verliere,  und  weil  die  Leute  hier  glauben,
daß  Form  und  Inhalt  der  Artikel  gegen  mich  auf  amtliche  Quelle,  d.  h.  auf  die  Centralstelle
  hindeuten.

Ich  bitte  um  Verzeihung,  daß  ich  E.  E.  mit  dieser  Bitte  in  einer  nur  für  mich  persönlich
  Bedeutung  habenden  Sache  belästige;  mit  der  Bitte,  Ihrer  Frau  Gemalin  meine
unterthänige  Empfehlung  zu  machen,  in  treuster  Ergebenheit  «

188.  Privaischreiben  an  Minister  v.  Manteuffel.
[Eigenhändig.)
(22.  Juli  1882.1)

Durch  einen  Artikel  der  Spenerschen  Zeitung,  den  man  für  offiziös  hält,  ist  zuerst
die  Ansicht  in  hiesiger  Gegend  verbreitet  worden,  daß  die  K.  Regirung  in  der  Zollfrage
nachgeben  werde.  Die  ungeschickten  Artikel  der  Kreuzzeitung  haben  diese  Meinung  bestärkrt,
  und  durch  den  unbegreiflichen  Artikel  der  „Zeit“  vom  13.  c.,  der  „die  Dynastie
und  das  Vaterland  an  den  Rand  des  Verderbens"  gebracht  sieht,  ist  die  Überzeugung,
daß  wir  die  Lösung  des  Zollvereins  zu  sehr  fürchten,  um  fest  zu  bleiben,  bei  den  Meisten
hier  zur  Gewißheit  geworden;  die  Darmstädter  tragen  den  Kopf  wieder  ganz  hoch  und
glauben  an  keine  Versicherung  des  Gegentheils.  Die  Cölnische  Zeitung  vom  16.  bringt
jenen  Artikel  in  perfider  Entstellung  aus  der  Zeit,  und  greift  E.  E.  persönlich  in  maßloser
Weise  an.  Es  war  vorauszusehn,  daß  sie  in  erster  Krisis  den  Schafspelz  wieder  abwerfen
  würde.  Dazu  kommt  der  Conflict  mit  der  Kreuzzeitung,  um  das  Maß  der  Zu
friedenheit  bei  unsern  Gegnern  voll  zu  machen.  Graf  Thun  konnte  seine  Genugthuung
nicht  verbergen,  als  er  mir  heut  von  diesen  Erscheinungen  sprach.

Ich  begreife  nicht,  wie  Wag(e)ner  zu  der  Verblendung  gekommen  ist,  in  der  er  sich  in
Bezug  auf  die  Zollsache  namentlich  befindet;  er  sagt,  er  habe  den  „Wortlaut“,  der  unsre
Nachgiebigkeit  enthalte.  Da  muß  ihm  doch  jemand  eine  absichtlich  unwahre  Mittheilung
gemacht  haben.  Ich  verlieh  ihn  bei  meiner  Abreise  von  Berlin,  wo  er  mich  noch  auf  dem
Bahnhofe  aufsuchte,  scheinbar  beruhigt,  und  habe  ihm  persönlich  die  Versichrung  gegeben,
daß  nichts  geschehn  sei,  was  nicht  in  die  Erklärung  vom  7.  Juni  passe,  die  nach  wie  vor  das

1)  Der  Brief  ist  von  Poschinger  irrig  vom  23.  Juli  datiert.