Full text : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

444  17.  Das  Dreikaiserjahr.  Bismarcks  letztes  Wuken.  Seine  Entlassung

zuvor  aber  mußte  in  dritter  Lesung  das  Sozialistengesetz  beraten
  werden.  In  der  Kommissson  war  es  ohne  die  von  der
Regierung  gewünschte  Ausweisungsbestimmung  angenommen.
Bismarck  hielt  diese  Bestimmung  für  dringend  nötig.  Die
Konservativen  standen  zu  seiner  Ansicht  und  hofften  auf  eine
Erklärung  der  Regierung  in  Bismarcks  und  in  ihrem  Sinne.
Da  Bismarck  diese  nicht  abgab,  stimmten  die  Konservativen
gegen  das  ihrer  Meinung  nach  verstümmelte  und  deshalb  wertlose
  Gesetz  mit  Zentrum,  Freisinn  und  Sozialdemokraten,  die
überhaupt  kein  Ausnahmegesetz  wollten.  Damit  kam  das  ganze
Gesetz  zu  Fall.

Weshalb  Bismarck  in  entscheidender  Stunde  nicht  sprach,
ist  nicht  klargestellt.  Die  Annahme,  daß  etwas  zwischen  ihm
und  dem  Kaiser  sowie  seinen  Kollegen  im  Ministerium  lag,
trifft  wohl  das  Richtige.  Auch  das  wird  richtig  sein,  daß  er
in  dem  Wunsche,  auf  das  allerentschiedenste  gegen  die  Sozialdemokratie
  aufzutreten,  nicht  mit  des  Kaisers  Wünschen  zusammentraf,
  da  dieser  später  einmal  optimistisch  im  Staatsrat
sagte:  „Die  Sozialdemokratie  überlassen  Sie  mir,  mit  der
werde  ich  ganz  allein  fertig  werden.“

Der  Kaiser  wünschte  offenbar  dieser  Partei  seine  entgegenkommenden
  Absichten  zu  zeigen.  Da  Bismarck  für  des  Kaisers
Ansichten  sich  nicht  voll  einsetzen  konnte,  sprach  er  schon  am
Tage  seiner  Rückkehr  —  auch  um  entlastet  zu  werden  —  den
Wunsch  aus,  von  dem  Ministerium  für  Handel  und  Gewerbe,
das  er  bisher  verwaltet  hatte,  befreit  zu  werden.  Der  Oberpräsident
  der  Rheinprovinz  von  Berlepsch,  ein  überzeugter  Anhänger
  weitgehender  sozialer  Reformen,  wurde  damit  betraut.

Dann  erschienen  am  4.  Februar  zwei  Erlasse  des  Kaisers,
einer  an  Bismarck  und  einer  an  den  neuen  Handelsminister,
der  Fortführung  der  Sozialreform  versprach.  Man  hoffte  damit
der  Sozialdemokratie  bei  den  Ende  Februar  stattfindenden
Wahlen  den  Wind  aus  den  Segeln  zu  nehmen.  Es  fiel  auf,
daß  Bismarck  nicht  gegengezeichnet  hatte.  Auch  das  deutete
darauf  hin,  daß  in  den  maßgebenden  Kreisen  nicht  alles  war,
wie  es  zu  wünschen  gewesen  wäre.  In  diesem  Sinne  durfte