Full text : Realienbuch Nr. 3 (3)

62  Geschichte.  1

In  wenigen  Wochen  waren  TLuthers  Sätze  in  Hlugschriften  über  ganz  Deutschland
  verbreitet  und  riefen  überall  eine  ungewöhnliche  Bewegung  hervor.  Die
Dominikaner-Mönche  erwiderten  darauf,  und  es  entstand  ein  heftiger  Streit  in
Schriften  und  Gegenschriften.  Luther  griff  dabei  einzelne  Lehren  der  Kirche  an,
während  ihn  seine  Gegner  der  Irrlehre  beschuldigten.  Schließlich  lud  der  Dapst
Luther  zur  Derantwortung  nach  Rom  vor,  beauftragte  aber  dann  auf  Wunsch  des
Kurfürsten  von  Sachsen  den  Kardinal  Cajetan,  den  Streit  in  Zugsburg  beizulegen.
Cajetan  suchte  Luther  zum  Widerruf  seiner  Lehren  zu  bewegen,  aber  dieser  weigerte
sich  und  kehrte  nach  Wittenberg  zurück.

Ein  zweiter  päpstlicher  Unterhändler,  der  gewandte  Kammerherr  Miltitz,  stellte
Luther  bei  einer  Susammenkunft  in  Rltenburg  vor,  welch  unheilvolle  Spaltung  durch
sein  Kuftreten  in  der  Christenheit  entstehen  würde.  Da  versprach  Tuther,  seine
Lehren  nicht  weiter  zu  „predigen  und  zu  schreiben“;  seine  Gegner  sollten  aber  ebenfalls
  versprechen  zu  schweigen.

5.  Luther  sagt  sich  von  der  Nirche  los.  Unter  TLuthers  Gegnern  befand
sich  der  gelehrte  Dr.  Eck  aus  Ingolstadt.  Swischen  diesem  und  einem  Anhänger
Luthers  kam  es  in  TCeipzig  zu  einer  öffentlichen  Unterredung,  an  der  auch  TLuther
teilnahm.  hierbei  erklärte  dieser  einzelne  kirchliche  Lehren,  z.  B.  die  Lehre  vom
Ablaß,  für  irrig,  mehrere  Lehren  des  in  Konstanz  verbrannten  huß  dagegen  für
richtig  und  lehnte  sich  gegen  das  Ansehen  des  Hapstes  auf.  In  einigen  Schriften,
die  er  kurze  Seit  danach  veröffentlichte,  wandte  er  sich  ferner  gegen  die  sieben
Sakramente  der  Kirche  und  die  Ehelosigkeit  der  Driester.  Diese  und  andre  der  von
Luther  verbreiteten  Lehren  wurden  vom  DHapste,  an  den  sich  Dr.  Eck  gewendet  hatte,
als  ketzerisch  bezeichnet.  Uber  Luther  selbst  wurde  der  Bann  ausgesprochen,  wenn  er
nicht  binnen  60  Tagen  Widerruf  leiste.  —  Da  zog  Luther  am  10.  Dezember  1520
mit  einer  Schar  Studenten  vor  das  Elstertor  in  Wittenberg  und  warf  dort  die  päpstliche
  Bannbulle  ins  Feuer.  Dadurch  hatte  er  völlig  mit  der  Kirche  gebrochen.

Unter  den  Männern,  die  sich  Luther  in  Wittenberg  anschlossen,  war  Hhilipp
Melanchthon  der  gelehrteste.  Er  hieß  eigentlich  Ichwarzerd  und  war  Hrofessor  der
griechischen  Sprache  an  der  Universität  zu  Wittenberg.

6.  Der  Reichstag  zu  Worms  1521.  UNach  dem  Tode  Maximilians  I.  (1519)
war  sein  Enkel,  Karl  V.,  deutscher  Kaiser  geworden.  Er  herrschte  zugleich  über
Spanien,  die  Niederlande  und  Italien.  Da  die  Spanier  durch  die  Entdeckungsfahrten
des  Kolumbus  herren  von  Kmerika  waren,  sagte  man  von  ihm  mit  Recht,  „in  seinem
Reiche  ginge  die  Sonne  nie  unter“.  Karl  war  noch  jung  an  Jahren,  aber  weltklug
und  ein  treuer  Anhänger  der  Kirche.  Als  er  zum  ersten  Male  Deutschland  betrat,
berief  er  einen  Reichstag  nach  Worms,  auf  dem  auch  über  Luther  und  seine  Lehren
entschieden  werden  sollte.  Luther  wurde  vorgeladen  und  erhielt  freies  Geleit  zugesichert;
ein  Reichsherold  holte  ihn  ab.  Unter  großem  Sulaufe  des  Volks  zog  er  in  Worms
ein.  Gleich  am  Uage  darauf  mußte  er  vor  den  versammelten  Fürsten  und  herren
erscheinen,  bat  jedoch,  als  er  zum  Widerrufe  seiner  Schriften  aufgefordert  wurde,  um
einen  Tag  Bedenkzeit.  Dieser  Wunsch  wurde  ihm  gewährt.  EAlls  er  sich  am  folgenden
  Tage  weigerte,  seine  Lehren  zu  widerrufen,  ließ  ihn  der  Kaiser  auffordern,
von  Worms  abzureisen,  und  bewilligte  ihm  eine  Frist  von  21  Lagen.  #  Dann  verhängte
  er  die  Reichsacht  über  ihn,  so  daß  ihn  jedermann  ungestraft  töten  konnte;
seine  Lehre  wurde  verboten.  —  TLuther  kam  auf  dem  Rückwege  nach  Wittenberg