106 Bismarck
er geht nie unter im Sinnesleben; neben gewaltigen Kisten von
Rotspon kommen auch mächtige Büchersendungen in seine Einsam—
keit: nächtelang studiert und arbeitet er. Die Nachbarn und Unter—
tanen erkannten seine Tüchtigkeit an, indem sie ihn zum „Deich—
hauptmann“ annahmen, eine Stellung, die einen ganzen Mann
erforderte, galt es doch, den Strom — die Elbe — vom über—
greifen auf die anliegenden Fluren abzuhalten, ihn in seine Ufer
zurückzudämmen; in der Wassernot mancher überschwemmung hat
Herr von Bismarck den Kampf siegreich und tapfer gegen die Ele—
mente geführt, Menschen das Leben gerettet. Seiner Gesinnung nach
steht er noch stark links; aber er lernt die Bedürfnisse seines Landes
und seines Standes praktisch kennen, aus der Theorie staatsrechtlicher
Erwägungen wird er ins offene Leben hinausgeführt. Im konservativen
Pommern wird er von seinen Standesgenossen erzogen;
auf die religiösen Pflichten des Menschen, denen er bis jetzt kühl
gegenübergestanden ist, wird er gleichfalls in jener Zeit hingestoßen.
Er, der mit Absicht und Bewußtsein das tägliche Gebet der Jugendzeit
aufgegeben hatte, lernt wieder beten; er liest mit Zurückdrängung
seines eigenen Urteils die heilige Schrift; besonders vertieft
wurden diese neuen Empfindungen dadurch, daß er, wie schon öfter
vorher, sich neuerlich verliebt, diesmal aber eine Neigung fürs Leben
fand: zu Fräulein Johanna von Puttkammer, deren Familie
von tiefer aufrichtiger Frömmigkeit erfüllt war. Kühl nahmen die
Eltern des Mädchens die Bewerbung dieses etwas wilden Freiers
auf, aber die Liebe der Tochter überwand alle Schwierigkeit, und
Bismarck konnte 1847 mit bem Fräulein von Puttkammer zum Altar
treten; es wird ein Bund fürs Leben geschlossen, der in schönster Harmonie
und gegenseitigem Verstehen bis zum Tode der Frau (1894)
gedauert hat. Erst die Ehe mit dieser ausgezeichneten Frau hat Bismarck
die Sicherheit und Ruhe einer sittlichen Weltanschauung gegeben,
ohne die wahre Größe nicht bestehen kann.
Gleichzeitig wird er als Ersatzmann zu dem ersten vereinigten
Ständelandtage in Preußen gewählt, infolge der Erkrankung eines
Abgeordneten muß er zu seinem äußersten Mißvergnügen in die
Versammlung eintreten. Er macht sich hier sofort bemerkbar durch
eigene Auffassung und einen selbständigen Standpunkt, die er zähe
verteidigt. Wie er nicht geschaffen war für das Untertauchen unter
die Bureaukratie, so ist er auch nicht Willens, im Sande des parlamentarischen
Parteilebens zu ersticken. Er tritt für ein machtvolles
Königtum ein, er überrascht durch seine Kundigkeit über die Ge-