Contents : Von Luther zu Bismarck. Zweiter Band. (2)

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er  geht  nie  unter  im  Sinnesleben;  neben  gewaltigen  Kisten  von
Rotspon  kommen  auch  mächtige  Büchersendungen  in  seine  Einsam—
keit:  nächtelang  studiert  und  arbeitet  er.  Die  Nachbarn  und  Unter—
tanen  erkannten  seine  Tüchtigkeit  an,  indem  sie  ihn  zum  „Deich—
hauptmann“  annahmen,  eine  Stellung,  die  einen  ganzen  Mann
erforderte,  galt  es  doch,  den  Strom  —  die  Elbe  —  vom  über—
greifen  auf  die  anliegenden  Fluren  abzuhalten,  ihn  in  seine  Ufer
zurückzudämmen;  in  der  Wassernot  mancher  überschwemmung  hat
Herr  von  Bismarck  den  Kampf  siegreich  und  tapfer  gegen  die  Ele—
mente  geführt,  Menschen  das  Leben  gerettet.  Seiner  Gesinnung  nach
steht  er  noch  stark  links;  aber  er  lernt  die  Bedürfnisse  seines  Landes
und  seines  Standes  praktisch  kennen,  aus  der  Theorie  staatsrechtlicher
  Erwägungen  wird  er  ins  offene  Leben  hinausgeführt.  Im  konservativen
  Pommern  wird  er  von  seinen  Standesgenossen  erzogen;
auf  die  religiösen  Pflichten  des  Menschen,  denen  er  bis  jetzt  kühl
gegenübergestanden  ist,  wird  er  gleichfalls  in  jener  Zeit  hingestoßen.
Er,  der  mit  Absicht  und  Bewußtsein  das  tägliche  Gebet  der  Jugendzeit
  aufgegeben  hatte,  lernt  wieder  beten;  er  liest  mit  Zurückdrängung
  seines  eigenen  Urteils  die  heilige  Schrift;  besonders  vertieft
wurden  diese  neuen  Empfindungen  dadurch,  daß  er,  wie  schon  öfter
vorher,  sich  neuerlich  verliebt,  diesmal  aber  eine  Neigung  fürs  Leben
  fand:  zu  Fräulein  Johanna  von  Puttkammer,  deren  Familie
von  tiefer  aufrichtiger  Frömmigkeit  erfüllt  war.  Kühl  nahmen  die
Eltern  des  Mädchens  die  Bewerbung  dieses  etwas  wilden  Freiers
auf,  aber  die  Liebe  der  Tochter  überwand  alle  Schwierigkeit,  und
Bismarck  konnte  1847  mit  bem  Fräulein  von  Puttkammer  zum  Altar
treten;  es  wird  ein  Bund  fürs  Leben  geschlossen,  der  in  schönster  Harmonie
  und  gegenseitigem  Verstehen  bis  zum  Tode  der  Frau  (1894)
gedauert  hat.  Erst  die  Ehe  mit  dieser  ausgezeichneten  Frau  hat  Bismarck
  die  Sicherheit  und  Ruhe  einer  sittlichen  Weltanschauung  gegeben,
  ohne  die  wahre  Größe  nicht  bestehen  kann.

Gleichzeitig  wird  er  als  Ersatzmann  zu  dem  ersten  vereinigten
Ständelandtage  in  Preußen  gewählt,  infolge  der  Erkrankung  eines
Abgeordneten  muß  er  zu  seinem  äußersten  Mißvergnügen  in  die
Versammlung  eintreten.  Er  macht  sich  hier  sofort  bemerkbar  durch
eigene  Auffassung  und  einen  selbständigen  Standpunkt,  die  er  zähe
verteidigt.  Wie  er  nicht  geschaffen  war  für  das  Untertauchen  unter
die  Bureaukratie,  so  ist  er  auch  nicht  Willens,  im  Sande  des  parlamentarischen
  Parteilebens  zu  ersticken.  Er  tritt  für  ein  machtvolles
Königtum  ein,  er  überrascht  durch  seine  Kundigkeit  über  die  Ge-