thumbs : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Unterredung  des  Königs  mit  Prokesch.  207

dings  auch  jetzt  noch  gewesen,  wenn  Ösierreich  irgendeine  Form  hätte  finden
können,  um  doch  in  engster  Verbindung  mit  Deutschland  zu  bleiben.  Dann
sollte  sein  Herrscher  als  Römischer  Kaiser  „nur  die  Obmacht,  das  Recht  über
Krieg  und  Frieden,  die  allgemeinen  obersten  Rechte“  haben.  „Das  beschränkte
und  lähmte  ihn  nicht  als  Kaiser  von  OÖsterreich.“  Er  hielt  also  eine  derartige
enge  Verbindung  mit  dem  jetzt  geeinten  österreichischen  Gesamtstaate  unter
einem  Römischen  Kaiser  für  verträglich  mit  der  Verfassung  von  Kremsier,  für
verkräglich,  so  muß  man  doch  wohl  ergänzen,  auch  mit  der  Selbständigkeit  und
Großmachtstellung  Preußens.  Aber  auch  in  diesem  Falle  erklärte  er  wenigstens
  eine  militärische  Einigung  des  engeren  Deutschland  unter  dem  preußischen
Erbfeldherrn  für  notwendig.  Man  erkennt  deutlich,  daß  den  König  seine
alten  Ideen  nach  wie  vor  beherrschen;  diese  Außerungen  aus  dem  März  r840
knüpfen  unmittelbar  an  diejenigen  aus  dem  Mai  1848  an,  als  sei  inzwischen
überhaupt  gar  nichts  geschehen.

Baron  v.  Prokesch  erkannte  aus  dieser  Unterredung  sofort,  worin  für  den
König  der  entscheidende  Punkt  lag.  Gewinne  er  die  Uberzeugung,  daß  Österreich
  auf  den  Gedanken  eines  großen  mitteleuropäischen  Reiches  mit  dem
Römischen  Kaiser  an  der  Spitze  eingehen  wolle,  so  werde  er  sich  an  Österreich
anschließen  und  jede  ihm  zugedachte  Befugnis  im  engeren  Deutschland,  abgesehen
  von  einer  besseren  militärischen  Einigung,  von  sich  weisen;  müsse  er
sich  dagegen  überzeugen,  daß  Österreich  ganz  für  sich  bleiben  wolle,  so  werde  er
notgedrungen  auf  einen  kleindeutschen  Bundesstaat  mit  Preußen  an  der
Spitze  eingehen,  wenn  die  freiwillige  Justimmung  der  Fürsten  und  Österreichs
dazu  zu  gewinnen  wäre.  Der  Gesandte  legte  daher  den  größten  Wert  darauf,
festzustellen,  daß  die  Bestimmungen  der  öfsterreichischen  Verfassung  und  die
nach  Frankfurt  gerichtete  Erklärung  Schwarzenbergs  keineswegs  so  aufgefaßt
zu  werden  brauchten,  wie  man  es  dort  getan  habe.  Ein  Verhältnis  zu  Deutschland,
  wie  es  unter  dem  alten  Bunde  bestanden  habe,  sei  auch  jetzt  noch  möglich.
Endlich  aber  spielte  er  noch  einen  weiteren  starken  Trumpf  gegen  den  König
aus;  er  bestritt,  daß  es  zu  einer  Einigung  der  übrigen  deutschen  Staaten
unter  Preußen  kommen  werde,  wenn  ÖOsterreich  außerhalb  des  Bundes  bleibe;
vielmehr  werde  sich  dann  der  Süden  vom  Norden  trennen,  ein  gespaltenes
Deutschland,  eine  Schmach  vor  Europa,  werde  entstehen.  „Der  König  war
sehr  ergriffen“,  fügt  Prokesch  hinzu.  In  der  Tat  mußte  es  für  Friedrich
Wilhelm  ein  neues  schweres  Gewissensbedenken  schaffen,  wenn  er  durch  seine
Haltung  unter  Umständen  eine  Dreikeilung  Oeutschlands  herbeiführen
konnte,  anstatt  der  Einigung  und  Kräftigung,  die  auch  er  dringend  wünschte.

Oazu  kam  nun  der  Eindruck  des  Welckerschen  Antrages  in  Frankfurt.
Ourch  dessen  Annahme  als  Antwort  auf  die  österreichische  Note  vom  9.  März
würde  die  Kaiserwahl  geradezu  zu  einer  Demonstration  gegen  Öfterreich