Metadata : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

IV.  Die  Teilung  Polens.  161

Dennoch  machte  die  Neisser  Begegnung  in  Petersburg  Ein—
druck:  man  war  Preußens  also  doch  nicht  so  sicher,  wie  man
geglaubt  hatte.  Man  kam  ihm  daher  mehr  entgegen  und  ließ
von  den  anfangs  gestellten  Forderungen  ein  Beträchtliches  nach.
So  wurde  am  12.  23.  Oktober  1769  auf  Grund  des  1764  ge—
schlossenen  zwischen  beiden  Mächten  ein  neues  Bündnis  unterzeichnet.
  Es  vereinbarte  ein  gemeinsames  Vorgehen  zur  Niederhaltung
  sowohl  Polens  wie  Schwedens  und  versicherte  Friedrich
russischer  Hilfe,  damit  Ansbach  und  Bayrenth  beim  Erlöschen
des  hohenzollernschen  Mannesstammes  nach  dem  1752  mit  beiden
  Linien  geschlossenen  Erbvertrage  an  Preußen  fielen.  Nun
hatte  man  wieder  in  Wien  Grund  zur  Besorgnis.  Die  russische
  Diktatur  abzuwenden,  wollte  Kannitz  mit  Preußen  zu
gunsten  der  Türkei  intervenieren.  Er  ließ  bereits  in  Siebenbürgen
  Truppen  zusammenziehen,  als  neue  Erfolge  der  Russen
und  die  Bitte  der  Pforte  um  Hilfe  eine  solche  Wendung  auch
Friedrich  wünschenswert  machten.  Nun  erfolgte  eine  entschiedene
Annäherung  zwischen  Berlin  und  Wien.  Vor  der  Welt  wurde
sie  bethätigt  durch  den  Gegenbesuch,  den  Friedrich  Anfang  September
  1770  dem  Kaiser  in  Mährisch-Neustadt  machte.  Doch
entsprachen  die  politischen  Ergebnisse  auch  dieser  Zusammenkunft
  nur  wenig  den  Absichten  des  heißblütigen  Joseph.  Er
wollte  durch  die  gemeinsame  Mediation  in  dem  Türkenkriege
Rußland  mit  Preußen  verfeinden,  um  ihm  mit  preußischer  Hilfe
dort  Halt  zu  gebieten  und  hier  die  polnische  Beute  doch  noch
zu  entreißen.  Er  sah  einen  unerlaubten  Grad  von  „Schelmerei“
  darin,  daß  Friedrich  die  europäischen  Dinge  nur  von
dem  preußischen  Standpunkte  aus  beurteilte  und  nicht  Lust
hatte,  für  Oesterreich  die  Kastanien  aus  dem  Feuer  zu  holen,
sondern  nur  darauf  dachte,  die  Schrecknisse  eines  europäischen
Krieges  abzuwenden,  bei  dem  er  immer  verlieren  mußte.  Friedrich
  blieb  dem  zum  Leitstern  seiner  Politik  gewordenen  „Eile
mit  Weile“  unverbrüchlich  treu,  und  mehr  denn  je  galt  damals
für  ihn  das  Programm,  das  er  in  den  Tagen  des  Dresdener
Friedens,  von  drückendster  Sorge  befreit,  Finckenstein  gegenüber
  scherzend  dahin  entwickelt  hatte,  er  glaube  zunächst  der

Haut  des  Fuchses  mehr  benötigt  zu  sein  als  der  des  Löwen.
Prutz,  Preußische  Geschichte.  III.  11