Contents : Blätter für Rechtsanwendung. LXXII. Band. (72)

Rechtsprechung.  Reichsgericht  (Civilsachen).  825

zum  Entwerfen  von  Versäumnisurteilen,  von  Anerkenntnis=  und  Läuterungsurteilen,

ann  von  Urteilen,  die  auf  Zurücknahme  der  Klage,  des  Einspruchs,  der  Berufung
ergehen,  herangezogen  werden,  sowie  bei  Verfahren  und  Urteilen  nach  §5  211,  370,
452  St  PO.  Bei  der  Abfassung  umfangreicher  Entscheidungen  in  bürgerlichen  Rechtsstreitigkeiten,
  in  Strafsachen  oder  in  der  freiwilligen  Gerichtsbarkeit  darf  in  der
Weise  verfahren  werden,  daß  der  Richter  in  Kurzschrift  oder  in  gewöhnlicher  Schrift
unter  Anwendung  von  Abkürzungen  und  Verweisungen  einen  leicht  leserlichen  Entwurf
zu  Papier  bringt,  gleichviel  ob  mit  Tinte  oder  Bleistift,  und  daß  darnach  die  Ge-P
  chteschreibere.  eine  Reinschrift  anfertigt.  Allgemein  darf  auch,  wenn  in  einer
richterlichen  Entscheidung  der  Wortlaut  von  Geschriebenem  oder  Gedrucktem  wieder-#epeben.
  werden  soll,  der  Verfasser  diesen  Teil  durch  die  Gerichtsschreiberei  schreiben
assen.  Eine  volle  Durchführung  dieser  sehr  begrüßenswerten  Neuerungen  wird
freilich,  wie  in  der  Bekanntmachung  selbst  hervorgehoben  wird,  eine  besondere  Auswahl
und  fortschreitende  Ausbildung  des  Personals  bedingen.  K.

Bekauntmachung  vom  9.  September  1907,  die  Abfassung  der  urteile
in  obürgerlichen  Rechtsstreitigkeiten  und  in  Strafsachen  betr.  (Bayer.  JMl.
1907  S.  242  ff.).

Gerade  in  Bayern  besteht  (im  Gegensatze  zu  den  norddeutschen  Gerichten)
vielfach  noch  die  Gepflogenheit,  den  Tatbestand  der  Urteile  allzu  umfangrei  4
geltalten.  So  wird  insbesondere  in  die  Civilurteile  häufig  eine  breite  Bohl  ichte  als

atbestand  aufgenommen.  Gegen  diese  Uebung  wendet  sich  obige  Bekanntmachung
unächst.  Der  Tatbestand  im  Sinne  unserer  CPO.  soll  eine  gedrängte  einheitliche
gtmme  sstns  des  gesamten  Inhalts  der  Verhandlungen  sein,  wie  dieser  den
egenstand  der  richterlichen  Beurteilung  bildet.  Gegenstand  der  mündlichen  Beurteilung
  ist  aber  nur  das,  was  in  der  mündlichen  Verhandlung  vorgetragen  wurde:
die  mündliche  Verhandlung  gilt  andernfalls  rechtlich  als  Einheit,  auch  wenn  sie  in  einer
Mehrzahl  von  Terminen  stattfindet.  Im  Tatbestande  ist  daher  das  tetsächliche  Vorbringen
  der  Parteien  in  der  Gestalt  anzuführen,  in  der  es  der  richterlichen  Beurteilung
  unterstellt  ist.  Für  Fälle,  in  denen  die  Parteien  über  grundlegende  Verhältnisse
einig  sind,  wird  empfohlen,  diese  den  Eingang  des  Tatbestandes  bilden  zu  lassen.
Rechtsausführungen  der  Parteien  sollen  im  Tatbestande  nur  insoweit  erwähnt  werden,
als  es  A#um  Verständnisse  des  Standpunkts  der  Partei  erforderlich  ist.  -
uch  für  die  Entscheidungsgründe  wird  eine  weise  Mäßigung  empfohlen.
Bei  der  Behandlung  streitiger  Rechtsfragen  soll  nicht  nach  Art  einer  gelehrten  Abandlung
  verfahren  werden,  die  ausschlaggebenden  Erwägungen  sind  nur  in  ihren
rundzügen  darzulegen.  Auch  ein  Uebermaß  von  Citaten  soll  möglichst  verniieden
werden.  Bei  Abfassung  der  Stra  furteile  wird  in  der  Praxis  häufig  gegen  den
Geist  des  §  266  St  PO.  dadurch  gesündigt,  daß  über  den  Verlauf  der  Hauptverhandlung
  umständlich  berichtet  und  an  diese  Geschichtserzählung  dann  unvermittelt  eine
ungenügende  Schlußfeststellung  angeknüpft  wird.  Die  Bekanntmechung  empfiehlt  auch
hier  eine  gedrängte,  jedoch  erschöpfende  Darstellung  der  festgestellten  Tatsachen  nebst
den  zugehörigen  Beweistatsachen,  anderseits  sind  diese  festgestellten  Tatsachen  in  klare,
unzweideutige  Beziehung  zu  dem  angewendeten  Strafgesetze  zu  setzen.  K.

V.  Rechtsprechung.
Reichsgericht  (Civilsachen).

Findet  bei  der  sog.  Simultangründung  eine  eigentliche  Aktienzeichnung
statt?  Voraussetzung  der  Scheinzeichnung  oder  Scheinübernahme.  Einrede
des  Betrugs.

Die  Klägerin  hat  den  Kauf  von  Aktien  einer  von  fünf  Personen  gegründeten
  Aktiengesellschaft  angefochten,  weil  sie  vom  Beklagten  durch  arglistige
Täuschung  zu  den  Geschäft  bestimmt  worden  sei.  Sie  stützt  den  Vorwurf  auf