Full text : Quellensammlung zur Entwicklungsgeschichte des modernen Staates. Zweiter Band. (2)

140  II.  Don  der  Revolution  zur  Reichsgründung.

müssen  die  Organe  zu  deren  Durchführung  sorgfältig  gewählt
und  teilweise  gewechselt  werden.  Klle  heuchelei,  Scheinheiligkeit,
  kurzum  alles  Kirchenwesen  als  Mittel  zu  egoistischen
Swecken  ist  zu  entlarven,  wo  es  nur  möglich  ist.  Die  wahre
Religiosität  zeigt  sich  im  ganzen  Derhalten  des  Menschen;
dies  ist  immer  ins  Zuge  zu  fassen  und  von  äußerem  Gebaren
und  Schaustellungen  zu  unterscheiden.  Nichtsdestoweniger
hoffe  ich,  daß,  je  höher  man  im  Staate  steht,  man  auch
das  Beispiel  des  Kirchenbesuches  geben  wird.

Der  katholischen  Kirche  sind  ihre  Rechte  verfassungsmäßig
  festgestellt.  Ubergriffe  über  diese  hinaus  sind  nicht
zu  dulden.

Das  Unterrichtswesen  muß  in  dem  Bewußtsein  geleitet
werden,  daß  Dreußen  durch  seine  höheren  Lehranstalten  an
der  Spitze  geistiger  Intelligenz  stehen  soll  und  durch  seine
Schulen  die  den  verschiedenen  Klassen  der  Bevölkerung
nötige  Bildung  gewähren,  ohne  diese  Klassen  über  ihre
Sphären  zu  heben.  Größere  Mittel  werden  hierzu  nötig
werden.

Die  Krmee  hat  Hreußens  Größe  geschaffen  und  dessen
Wachstum  erhämpft;  ihre  Dernachlässigung  hat  eine  Katastrophe
  über  sie  und  dadurch  über  den  Staat  gebracht,  die
glorreich  verwischt  worden  ist  durch  die  zeitgemäße  Reorganisation
  des  heeres,  welche  die  Siege  der  Befreiungskriege
  bezeichneten.  Eine  vierzigjährige  Erfahrung  und
zwei  kurze  Kriegsepisoden  haben  uns  indes  auch  jetzt  aufmerksam
  gemacht,  daß  manches,  was  sich  nicht  bewährt
hat,  zu  Knordnungen  Deranlassung  geben  wird.  Dazu
gehören  ruhige  politische  Sustände  und  —  Eeld,  und  es
wäre  ein  schwer  sich  bestrafender  Kehler,  wollte  man  mit
einer  wohlfeilen  Herresverfassung  prangen,  die  deshalb  im
Momente  der  Entscheidung  den  Erwartungen  nicht  entspräche.
Dreußens  heer  muß  mächtig  und  angesehen  sein,  um,  wenn
es  gilt,  ein  schwer  wiegendes  politisches  Gewicht  in  die
Wagschale  werfen  zu  können.