Vier Briefe über Bizmarcks socialpolit. u. volkswirtschaftl. Bedeutung. 25
Kompaß, einen einzigen Polarstern für all sein Handeln gehabt: die
salus publica, das für Preußen und die deutsche Nation Nützliche, Zweckmäßige,
Richtige. Natürlich, wie er es verstand! Aber mehr ist von
niemand zu fordern.
Wenn er das freie Vereinsrecht erörterte, so fragte er nicht, was
ist an sich möglich, was fördert die gesunde Arbeiterbewegung, sondern
nur, was ist im heutigen Preußen mit seiner bedrohten Lage, seinen
centrifugalen Tendenzen heilsam? Alles Parteileben, alle sociale Klassenbildung,
alle Socialpolitik, alles Treiben der Socialdemokratie enschien
ihm stets unter dem Gesichtswinkel der Stärkung oder Schwächung derjenigen
Kräfte, welche ihm, der Regierung, der Monarchie im Moment
Schwierigkeiten machen, sich den Feinden Deutschlands anschließen
könnten. Auch in der Handelepolitik stehen immer diese Gesichtspunkte
voran, wie er z. B. 1864 schreibt: Delbrück mag technisch recht haben,
wenn er die österreichischen Forderungen abgelehnt wissen will; ich kann
politisch im Moment keinen Bruch mit Osterreich brauchen!
Wurde er so in aller Wirtschafts- und Socialpolitik Opportunist,
der notwendig in gewissen Meinungen und Mitteln wechselte, so war er
es in seiner Macht= und Verfassungs-, in seiner äußeren Politik um so
weniger. Jeder große Mann und Charakter kann aber nur in seinem
Kern durch ganz feste Ziele und Ideale geleitet sein. Je weiter die einzelnen
Maßnahmen von diesem Kern abliegen, desto mehr sallen sie in
das Bereich sekundärer Mittel, die man nach dem Hauptzweck modifiziert,
unter Umständen beseitigt oder in ihr Gegenteil verkehrt.
Ist damit ausgesprochen, daß Bismarcks Größe und Kern nicht in
seiner Wirtschafts- und Socialpolitik, sondern in dem Kampfe für ein
starkes und festes einheitliches Deutsches Reich lag, so schließt das doch
nicht aus, daß er auch auf dem wirtschaftlich-socialen Gebiete eine weltgeschichtliche
Rolle gespielt habe, und zwar gerade durch die Art, wie er
diese Gebiete als Teile und Mittel der allgemeinen Politik behandelte.
Ich werde weiterhin da, wo ich von den Thaten Bismarcks spreche, darauf
zurückkommen und zu beweisen suchen, daß diese Unterordnung aller
wirtschaftlichen und socialen Fragen unter die der Förderung der staatlichen
Macht und Größe nicht bloß für Bismarck das einzig mögliche,
sondern auch für Deutschland das im großen und ganzen heilsame war.
Aber auch, wer dies anerkennt, muß, wenn er ganz gerecht sein will,
gewisse Vorbehalte beifügen.
In den meisten Gebieten der inneren Politik, nicht bloß in den
socialen und volkswirtschaftlichen, auch in der Kirchen= und Finanzpolitik,
in den Verwaltungs-- und Kommunalfragen, in der Behandlung des