56 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Februar 25.—26.)
25. Februar. (Reichstag.) Debatte über die Anderung des
Wahlrechts in Elsaß-Lothringen.
Abg. Colbus (Els.) beantragt die Neuregelung der Wahlen zum
Landesausschusse von Elsaß-Lothringen. Danach sollen die Wahlen durch
direktes, allgemeines und geheimes Wahlrecht erfolgen; auf je 30000 Ein-
wohner soll ein Abgeordneter gewählt werden. Abg. Preiß (Elf.): Der
jetzige Landesausschuß von Elsaß-Lothringen sei ein bloßes, von der Regie-
rung abhängiges Scheinparlament; viele Abgeordnete hätten gar keine
Fühlung mit den Wählern. Die Ausnahmegesetze für die Reichslande
müßten beseitigt werden, aber es scheine, als ob der Diktaturparagraph gegen
die einheimische Presse in der nächsten Zukunft noch schärfer als früher
angewendet werden solle. Geh. Oberregierungsrat Hallwey: Die elsaß-
lothringische Landesverwaltung habe noch keinen Anlaß gehabt, sich mit
dem vorliegenden Antrage zu beschäftigen, er habe deshalb auch keine Ver-
anlassung, sich über den Antrag selbst zu äußern. Allerdings könne eine
stetige Entwicklung dort nicht Platz greifen, wenn immer wieder Anträge
gestellt werden, welche die fundamentalen Grundsätze der Verfassung und
Verwaltung Elsaß-Lothringens in Frage stellen. Abg. Lieber (Z.): Auf
dem bisherigen Wege werde man die Versöhnung Elsaß Lothringens nicht
erreichen; der Diktaturparagraph müsse aufgehoben werden. Abg. Dr. v. Mar-
quardsen (nl.): Die Klagen des Abg. Preiß seien übertrieben. — Der
Antrag wird gegen die Stimmen der nationalliberalen und konservativen
Fraktionen angenommen.
26. Februar. (Berlin.) Der Kaiser nimmt an dem Fest-
mahle des Brandenburgischen Provinziallandtags teil und hält in
Erwiderung auf die Ansprache des Oberpräsidenten folgende Rede:
In herrlichem, bilderreichem Schwung hat soeben der Herr Ober-
präsident in Ihrem Namen Ihre Huldigung Mir entgegengebracht, und
kann Jch nur von ganzem Herzen und tiefgerührt dafür danken. Ich
komme eben aus der alten märkischen Haide, wo ich umrauscht war von
den alten märkischen Kiefern und Eichen, zu ihrem lebendigen Ebenbild,
zu den märkischen Männern, und Ich freue Mich, wieder ein paar Stunden
unter Ihnen zubringen zu können, denn der Verkehr mit den Söhnen der
Mark ist für Mich stets wie ein neu belebender Trank. Was die mär-
kischen Eichen und Kiefern Mir vorgerauscht haben, das hat in sinniger
Weise soeben der Herr Oberpräsident erwähnt. Mit hohem Rechte haben
Sie speziell Meines hochseligen Großvaters erwähnt, Mein lieber Achenbach.
Unser heutiges Fest, wie auch die ganze Zeit, stehen sie doch schon unter
dem aufgehenden Frührot des anbrechenden Morgens, des hundertjährigen
Geburtstages dieses hohen Herrn. Da wird der Bilick eines jeden von
Ihnen zurückschweifen in die Vergangenheit. Denken wir zurück in der
Geschichte: Was ist das alte Deutsche Reich gewesen! Wie haben so oft
einzelne Teile desselben gestrebt und gearbeitet zusammenzukommen zum
einigen Ganzen, um teils für das große Ganze ersprießlich zu wirken, teils
um den Schutz des gesamten Staates gegen größere Eingriffe zu ermöglichen.
Es ist nicht gegangen: Das alte Deutsche Reich wurde verfolgt von außen,
von seinen Nachbaren, und von innen durch seine Parteiungen. Der ein-
zige, dem es gelang, gewissermaßen das Land einmal zusammenzufassen,
das war der Kaiser Friedrich Barbarossa. Ihm dankt das deutsche Volk
noch heute dafür. Seit der Zeit verfiel unser Vaterland, und es schien,
als ob niemals der Mann kommen sollte, der im stande wäre, dasselbe