58 III. Die Vorkriegszeit und der Kriegsbeginn unter der Ersten O. H. L.
Bei dieser Gestaltung der Dinge in der wichtigsten Lebensfrage
des deutschen Volkes, seiner militärischen Stärke, ist es ohne weite-
res verständlich, daß seitens der Regierung nichts geschah, um die
Festigung der eigenen Machtfülle und die Geschlossenheit des
deutschen Volkes zu fördern, dem das Zentrum, die Fortschritts-
partei und die Sozialdemokratie wie zu Bismarcks Zeiten wider-
strebten. Die Regierung versank in dem kleinlichen Schlamm der
inneren Politik und unterwarf sich ganz dem entnervenden Einfluß
des deutschen Parlamentarismus. Diese Feststellung muß für diesen
Abriß genügen.
In Abhängigkeit vom Reichstage trieb der willensschwache
Reichskanzler schließlich auch eine innere Politik, die nicht der Wohl-
fahrt des Landes entsprach, weil sie es nicht für den Entscheidungs-
kampf kräftigte, sondern der Stärkung des Staates und der Re-
gierungsgewalt zuwiderlief.
Das Volk kam auf eine abschüssige Bahn und glitt immer tiefer.
Der Volksgeist wurde auf die kommenden Ereignisse nicht vor-
bereitet und nicht gestählt.
Zwei Tage der Vorkriegszeit, nach Ernennung des Reichs-
kanzlers v. Bethmann, zeigten unsere innere Schwäche und den
Mangel an nationaler Geschlossenheit blitzartig besonders scharf:
der Tag, an dem deutsche Arbeiter an Stelle von Männern mit
starkem deutschem Volksempfinden 110 Sozialdemokraten mit ihrem
vaterlandabgewandten, ausgesprochen internationalen Denken und
ihrer beschränkten außenpolitischen Bildung in den letzten Reichstag
„Das Vaterland ist keine überlebte Idee. . . . Sich gegen den Despotismus
der Könige, gegen die Tyrannei der Herrenklasse und des Kapitals empören und
sich widerstandslos das Joch der Eroberung, die Herrschaft eines fremden Mili-
tarismus auferlegen lassen: das ist ein so kindisch-kläglicher Widerspruch, daß
ihn beim ersten Alarm alle Kräfte des Instinkts und der Vernunft hinwegfegen
„Das Proletariat steht also nicht außerhalb des Vaterlandes.
„Eine Partei, der der Mut fehlt, vom Volke alle die Opfer zu verlangen,
die für seine Existenz und Freiheit notwendig sind, wäre eine verächtliche Partei
und würde bald an ihrer eigenen Unwürdigkeit zugrunde gehen."“
Diese Worte klingen anders als das Wort der deutschen Sozialdemokratie:
„Dieser Regierung keinen Mann und keinen Groschen.“