Volltext: Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

66 Erstes Buch. Die Erhebung zur Großmacht. 
den Verhandlungen von vornherein anschlug. Nur dann wollte 
er die Niederlande verteidigen, wenn England ihm dazu die 
finanziellen und militärischen Mittel gewährte. Was aber das 
eigentliche Ziel seiner Politik war, verriet Kannitz doch, als 
er mit cynischer Offenheit erklärte, man werde sich sofort ver- 
ständigen, wenn England Preußen mit angreifen wolle. Das 
aber konnten die englischen Minister denn doch nicht verant- 
worten, und nun fühlte man sich in Wien jeder Verpflichtung 
überhoben, und Maria Theresia erklärte offen, sie sei nicht mehr 
Englands Verbündete und das bisherige politische System von 
Europa sei aufgelöst. 
Was an seine Stelle treten sollte? Seit Jahren war 
Kaunitz, im tiefsten Geheimnis zwar, aber mit wachsendem Er- 
folge an dem Ausbau eines neuen thätig. Der Bruch mit 
England fand ihn bereits im Besitz des Ersatzes. Damit das, 
wie er überzeugt war, dereinst doch unvermeidlich zerfallende 
deutsche Reich möglichst an Oesterreich käme, galt es Preußen 
als den gefährlichsten Mitbewerber rechtzeitig zu beseitigen: es 
mußte zerschlagen werden. Der Hilfe Rußlands war er sicher. 
Der Preußenhaß des Kurfürsten von Hannover, hoffte er, sollte 
den König von England abhalten, seinen Neffen zu schützen. 
Des Erfolges gewiß aber war man doch erst, wenn man Frank- 
reich gewann. Und darauf arbeitete Kaunitz planmäßig hin, 
erst (seit 1751) als Gesandter in Paris, dann als Staats- 
kanzler an der Spitze der reorganisierten Monarchie. Nur seine 
außerordentliche Vorurteilslosigkeit und souveräne Verachtung für 
die Lehren der Geschichte konnte eine Allianz betreiben, welche 
die Ereignisse der letzten zwei Jahrhunderte als unnatürlich 
und unmöglich erwiesen. Hatte doch seit den Tagen Karls V. 
und Franz' J. der Gegensatz zwischen Habsburgern und Bour- 
bonen die europäische Politik beherrscht, und mehr als einmal 
hatten die Schwankungen in dem immer erneuten Ringen 
zwischen ihnen die Geschicke des Abendlandes bestimmt. Als 
ob all das nicht geschehen wäre, meinte Kaunitz die für seine 
Zwecke unerläßliche Interessengemeinschaft zwischen den alten 
Gegnern darauf gründen zu können, daß er sie als Vorkämpfer 
der alleinseligmachenden Kirche dem ketzerischen Preußen ent-