Full text : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

Die  ersten  Siege.  Die  Schlacht  von  Königgrätz  271

dort  schrieb  Bismarck  an  seine  Frau:  „Wir  sind  heut  von
Reichenberg  aufgebrochen,  eben  hier  eingetroffen.  Die  ganze
Reise  war  eine  gefährliche  und  ich  bin  froh  keine  Verantwortung
  dafür  zu  haben.  Die  Ostreicher  konnten  gestern,  wenn
sie  Cavallerie  von  Leitmeritz  geschickt  hätten,  den  König  und
uns  alle  aufheben  ..  Wir  begegnen  überall  Gefangnen,  es
sollen  schon  über  15000  sein  nach  den  hier  vorliegenden  Angaben.
  Gitschin  ist  gestern  von  uns  mit  Bajonett  genommen,
Frankfurter  Division,  Gen.  Tümpling  an  Hüfte  schwer  verwundet,
  nicht  tödtlich.  Hitze  furchtbar,  Zufuhr  von  Proviant
schwer.  Unsre  Truppen  leiden  von  Mattigkeit  und  Hunger.  Im
Lande  bis  hier  nicht  viel  Spuren  des  Krieges,  außer  zertretnen
Kornfelden.  Die  Leute  fürchten  sich  nicht  vor  den  Soldaten,
stehn  mit  Frau  und  Kind  im  Sonntagsstaat  vor  den  Thüren
und  wundern  sich.“

Am  3.  Juli  folgte  der  Sieg  von  Königgrätz.  Bismarck  befand
  sich  den  ganzen  Tag  in  unmittelbarer  Nähe  seines  Königs
und  der  Generale  in  der  Uniform  des  Landwehrmajors  auf
seinem  riessgen  Fuchs,  unerschrocken  wie  sein  König.  Legationsrat
  Keudell  schildert  ihn  also:  „Wie  er  im  grauen  Mantel
hochaufgerichtet  dasaß  und  die  großen  Augen  unter  dem  Stahlhelme
  glänzten,  gab  er  ein  wunderbares  Bild,  das  mich  an
kindliche  Vorstellungen  von  Riesen  aus  der  nordischen  Urzeit  erinnerte.“
  Der  König  schrieb  an  seine  Gemahlin:  „So  avancierte
die  Infanterie  bis  zum  Thalrande  der  Elbe,  wo  jenseits  dieses.
Flusses  noch  sehr  heftiges  Granatfeuer,  in  das  ich  auch  geriet,
aus  dem  mich  Bismarck  ernstlich  entfernte.“  Wie  das  geschah,
und  über  die  Schlacht  berichtet  dieser  also  an  seine  Frau:
„Der  König  exponirte  sich  am  3.  allerdings  sehr,  und  es  war
gut,  daß  ich  mit  war,  denn  alle  Mahnungen  Anderer  fruchteten
nicht,  und  niemand  hätte  gewagt,  ihn  so  hart  anzureden  wie
ich  es  mir  beim  letzten  Male,  welches  half,  erlaubte,  nachdem
ein  Knäuel  von  10  Kürassieren  und  15  Pferden  vom  6.  Kür.=Reg.
  sich  neben  uns  blutend  wälzte,  und  die  Granaten  den
Herrn  in  unangenehmster  Nähe  umschwirrten.  Die  schlimmste
sprang  zum  Glück  nicht.  Er  kann  mir  noch  nicht  verzeihen