46 Viertes Kapitel.
der Dr. Reimann diesem erteilte, teil. Zugleich erhielt dieser die Wei—
sung, den zarten Prinzen nicht zu sehr zu ermüden. Nur in einzelnen
Lektionen dauerte auch der Unterricht Delbrücks fort. So begannen da—
mals bei diesem die drei Prinzen zusammen Englisch zu lernen; und
reichliche Gelegenheit, die Sprache zu üben, boten die zahlreichen vor—
nehmen Engländer, die in jenen Tagen aus Verehrung für die Königin
Luise in Memel weilten. Prinz Wilhelm las zudem viel für sich, besonders
bistorische Werke. Namentlich fesselten ihn die geschichtlichen
Werke Friedrichs des Großen, zumal dessen „Geschichte meiner Seit“ und
die „Geschichte des Siebenjährigen Krieges“. Als Fähndrich that er auch
seinen ersten Dienst bei der Leibkompanie, die der König selber als
Chef führte. Am 5. Oktober hatte das Bataillon Garde Revue vor
dem Könige, an der die Hrinzen teilnahmen. Das war ein ergreifender
Anblick, für die Königin, die mit der Hrinzessin Radziwill der Revue
beiwohnte, als die jungen Hrinzen festen Schrittes an ihr vorbeimarschierten:
Thränen traten der königlichen Mutter vor Rührung in
die Augen.
Die drei Drinzen wohnten in Memel nicht bei ihren königlichen
Eltern — den Hrinzen Friedrich, seinen Reffen, erzog der König wie
einen eigenen Sohn — sondern sie hatten einen gesonderten Hofhalt im
Hause des Kaufmanns Argelander. Hier luden sie mitunter auch Gäste
zu sich ein, gleichaltrige Kinder der fürstlichen Kamilien, die mit dem
Königspaare sich nach Memel zurückgezogen hatten, aber auch Knaben
aus den angesehenen Bürgerfamilien der Stadt. Dann wurde gespielt,
getanzt, Märchen aufgeführt, Geschichten erzählt. Die Hrinzen machten
dann die liebenswürdigen Wirte; besonders der junge Kronprinz war
unerschöpflich, immer neue Unterhaltungen für die Gäste zu erfinden und
zu leiten. Aber auch die königlichen Eltern verschmähten es nicht, einer
Einladung der Familie Argelander zu folgen.
Bald indessen rief der Fortgang des Krieges den König wieder ins
Feld. Auch die Königin weilte vom 10. April bis 10. Juni in Hönigsberg.
Kaum aber war sie von dort nach Memel zurückgekehrt, als auch
die erschütternde Tachricht von der Niederlage des verbündeten Heeres
der Dreußen und Russen bei Friedland dort anlangte. Nun erfüllte sich
das Unheil: Die beiden KNaiser verständigten sich ohne Zücksicht auf
Dreußen über den Frieden. Die Königin kam auf Wunsch ihres Gemahls
selbst nach Tilsit, um bei Mapoleon für die Sache Hreußens zu
wirken; ein schweres Opfer, das sie dem Daterlande ohne Erfolg brachte.
Denn der Frieden von Tilsit wurde Hreußen auferlegt, der dem Könige