Full text : Deutsches Kolonialblatt. XXXI. Jahrgang, 1920. (31)

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und  Schiffen  der  nicht  beteiligten  Staaten  eine  unterschiedliche  Behandlung  eintreten
lassen.  Inwieweit  sie  von  diesem  Rechte,  insbesondere  auch  Deutschland  gegenüber,
Gebrauch  machen  werden,  bleibt  abzuwarten.  Zweifellos  bedeutet  diese  Einschränkung
einen  Rückschritt  gegenüber  der  weitherzigen  Regelung  der  Kongoakte.
Die  bisherige  Obergrenze  für  die  Einfuhrzölle,  die  bekanntlich  auf  10  v.  H.  des  Wertes
der  eingeführten  Waren  festgesetzt  war,  wird  beseitigt.  Die  Territorialmächte  sind  also
frei  hinsichtlich  ihrer  Tarifpolitik,  nur  ist  ihnen  jede  unterschiedliche  Behandlung  der
Vertragsmächte  bei  den  Einfuhrzöllen  wie  bei  den  sonstigen  Abgaben  untersagt.
Aufgegeben  ist  das  Verbot  der  Verleihung  von  Monopolen  in  bezug  auf  den  Handel.
Ansdrücklich  ist  statt  dessen  jedem  Staat  das  Recht  eingeräumt,  über  sein  Vermögen  frei
zu  verfügen  und  für  die  Ausbeutung  der  natürlichen  Schätze  des  Landes  Konzessionen
zu  erteilen,  mit  der  einzigen  Einschränkung,  daß  bei  der  allgemeinen  Regelung  der  Frage
keine  unterschiedliche  Behandlung  der  Angehörigen  der  Vertragsmächte  vorgesehen
werden  darf.  Es  ist  klar,  daß  damit  ein  wesentlicher  Teil  der  Kongoakte  gefallen  ist,
wenn  es  sich  dabei  auch  um  denjenigen  Teil  handelt,  der  in  der  Vergangenheit  am
meisten  umgangen  worden  ist.

d)  Die  Schiffahrtsfreiheit  im  konventionellen  Kongobecken  und  im  Stromgebiet  des  Niger
wird  zwar  ungefähr  in  demselben  Umfange  aufrechterhalten,  aber  eine  neue  Klausel  bietet
den  Uferstaaten  die  Möglichkeit  zu  allerhand  Beschränkungen.  Es  ist  nämlich  vorgesehen,
daß,  soweit  die  Benutzung  der  Wasserstraßen  nicht  für  mehrere  Uferstaaten  notwendig  ist,
die  Territorialmacht  in  bezug  auf  das  Verwaltungssystem  unter  der  Voraussetzung,  daß
sie  keine  unterschiedliche  Behandlung  der  Vertragsmächte  einführt,  freie  Hand  behält.

5.  Die  Bestimmungen  über  den  Schutz  der  Eingeborenen,  der  Missionen  und  der  wissenschaftlichen
  Erforschung  sind  in  einem  einzigen  Artikel  zusammengefaßt  und  enthalten  lediglich  ganz
allgemeine  Vorschriften,  die  zum  guten  Teil  wörtlich  aus  der  Kongoakte  entnommen  sind.  Die
Erwartung,  daß  auf  diesem  Gebiete  die  Revision  der  Kongoakte  wesentliche  Fortschritte  in  Gestalt
eingehender  Regelung  gewisser  Gebiete  der  Eingeborenenpolitik  bringen  würde,  ist  also  enttäuscht
worden.  Hinsichtlich  der  Bekämpfung  der  Sklaverei  und  des  Sklavenhandels  ist  unter  Verzicht  auf
die  eingehenden  Abmachungen  der  Brüsseler  Generalakte  auch  lediglich  eine  allgemeine  Verpflichtung
statuiert  worden,  wobei  man  vielleicht  von  der  Annahme  ausgegangen  ist,  daß  letztere  Vorschriften
durch  die  tatsächliche  Unterdrückung  des  Sklavenhandels  im  wesentlichen  ihre  Erledigung  gefunden
  haben.

6.  Das  Branntweinabkommen  bedeutet  einen  wirklichen  Fortschritt  insofern,  als  es  ein
vollständiges  Einfuhr-,  Verkaufs=  und  Herstellungsverbot  für  geistige  Getränke  jeder  Art  ausstellt
und  ausnahmsweise  für  den  Vexbrauch  die  Europäern  zugelassene  Einfuhr  geistiger  Getränke  an
einen  Minimalzoll  von  800  Franken  für  das  Hektoliter  reinen  Alkohols  (in  italienischen  Kolonien
nur  600  Franken)  bindet.

7.  Nicht  erneuert  sind  die  Bestimmungen  über  die  Neutralisierung  des  konventionellen
Kongobeckens  und  über  die  Freiheit  der  Schiffahrt  auch  in  Kriegszeiten.  Über  die  Gründe,  die  zu
diesem  Verhalten  geführt  haben,  ist  noch  nichts  verlautet.  Ebensowenig  enthalten  die  Verträge
irgendwelche  Bestimmungen  über  die  Einschränkung  der  Rüstungen  und  die  Militarisierung  der  Eingeborenen
  in  Afrika.  Inwieweit  etwa  das  Waffenabkommen  Vorschriften  hierüber  enthält,  bleibt
abguwarten.

Aufrechterhalten  ist  die  Klausel  der  Kongoakte,  die  die  Territorialmächte  verpflichtet,  in
ihren  Ländern  ausreichende  Verwaltungs=  und  Polizeieinrichtungen  aufrechtzuerhalten,  während  auf
die  Festlegung  der  Voraussetzungen  für  die  Anerkennung  der  Besetzung  neuer  Gebietsteile  naturgemäß
  verzichter  werden  könnte.

9.  Was  die  Sicherung  der  Ausführung  des  Vertrags  betrifft,  so  hat  man  davon  abgesehen,
die  Bestimmungen  über  die  Internationale  Schiffahrtskommission  des  Kongo,  die  tatsächlich  niemals
ins  Leben  getreten  ist,  zu  erneuern.  Zur  Kontrolle  der  Durchführung  des  Branntweinabkommens
wird  unter  der  Autorität  des  VBölkerbundes  ein  internationales  Kontrollbureau  errichtet,  das  etwa
die  gleiche  Aufgabe  haben  wird  wie  das  bisherige  Bureau  in  Brüssel.  Neu  und  von  erheblicher
Bedeutung  ist  die  Schiedsgerichtsklausel,  die  alle  Streitfragen,  die  bei  der  Anwendung  der  Verträge
entstehen,  an  ein  gemäß  der  VBölkerbundssatzung  zu  errichtendes  Schiedsgericht  verweist.

Im  ganzen  betrachtet,  kann  die  Revision  des  Vertragssystems  der  Generalakten  von  Berlin
und  Brüssel,  wie  sie  durch  die  neuen  Verträge  erfolgt  ist,  als  keine  befriedigende  Lösung  der  für
die  weitere  Entwicklung  der  kolonialen  Frage  überaus  wichtigen  Fragen  angesehen  werden.

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