Full text : Lehrpläne für die höheren Schulen.

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sie,  abermals  tief  errötend,  und  befestigte  das
Siegeszeichen  nach  seiner  Weisung  an  ihrem  Barelt.

  Dann  half  er  der  Schönen  in  den  Sattel,
versprach,  alsbald  den  Hirsch  auszuweiden  und
durch  seine  Knechte  in  die  Burg  senden  zu  wollen,
und  bat  schließlich  um  die  Erlaubnis,  das  Fräulein
  bis  an  die  von  ihm  angelegte  Straße,  die  neben
  dem  Walde  einherlief,  begleiten  zu  dürfen.  Er
erklärte,  es  trieben  augenblicklich  mehrere  Wölfe  in
der  Gegend  ihr  Unwesen,  und  wenn  diese  das  Roß
witterten,  möchte  das  Fräulein  in  böse  Gefahr  geraten.
  Aber  da  blitzte  es  in  den  Augen  der  jungen
  Wendin  auf  und  sie  erwiderte:  „Ich  habe  schon
manchem  dieser  Grauröcke  den  Garaus  gemacht,  ich
fürchte  mich  nicht  vor  ihnen.  Früher  gab  es  in
unserer  Herrschaft  viel  dieser  Bestien,  aber  nun  ist
ihr  Bestand  seit  der  letzten  Winterjagd  stark  gelichtet,
  und  die  meisten  habe  ich  schon  vordem  allein
erlegt.“  Stolz  richtete  sie  sich  bei  diesem  Bekenntnis
  auf,  aber  die  Begleitung  des  jungen  Mannes
ließ  sie  sich  gefallen.  Dieser  blickte  voll  Bewumderung
  zu  seiner  mutigen  Gefährtin  hinüber  und  oft

bhafteten  während  des  Wanderns  seine  Augen  an
ihrer  wohlgeformten,  geschmeidigen  Gestalt  und
ihrem  jugendfrischen,  lieblichen  Antlitz.  Und  auch

sie  warf  manch  verstohlenen  Blick  auf  den  ritterlichen
  Jüngling  mit  den  wallenden,  goldgelben
Locken,  den  offen  und  treuherzig  und  wiederum  so
selbstbewußt  und  kühn  blickenden  blauen  Augen  und
den  in  Kraft  und  Gesundheit  prangenden  Gliedern.
Nur  wenig  sprachen  sie  auf  dem  Wege,  beider  Herz
war  befangen,  und  daß  sie  dies  beide  selber  fühlten,
  machte  sie  schließlich  fast  völlig  schweigsam.

Als  Kunrad  so  seine  Schutzbefohlene  noch  eine
Strecke  Wegs  auf  der  Landstraße  begleitet  hatte,  erklärte
  er,  er  wolle  nun  zurückkehren,  um  dem  Hirsche
sein  Recht  anzutun,  seine  Knechte  zu  bestellen  und
sodann  die  Fährte  eines  gespürlen  Wolfes  weiter
zu  verfolgen.  Da  hielt  das  Fräulein  ihr  Rößlein
an  und  legte  ihre  Hand  in  die  Rechte  des  Ritters,
  die  er  ihr  zum  Abschied  bot.  Dabei  blickten
sie  einander  tief  in  die  Augen  und  nun  wußten  sie
daß  in  ihrer  beider  Herzen  pläötzlich  die  Liebe  zu
einander  erwacht  war.  Schon  wollte  die  Jungfrau
davonsprengen,  da  zügelte  sie  noch  einmal  ihr  Roß
und  sagte  mit  leise  erbebender  Stimme:  „Noch  eine
Frage,  Herr  Ritter,  wollet  mir  beantworten:  Wie
geschah  es,  daß  Ihr  Euch  vor  meinem  Pfeile  nicht
fürchtetet?  Niemand  meiner  Volksgenossen,  und
wire  es  der  mächtigste  Fürst  gewesen,  hätte  si.
erkühnt,  mir  nach  jener  Drohung  zu  nahen.“"

Da  lächelte  der  Gefragte  heiter  und  schelmisch
und  antwortete:  „Werte  Herrin,  wollet  nicht  argwöhnen,
  daß  ich  Euch  oder  Euer  tapferes  Volk  zu
kränken  gedächte,  aber  Ihr  sprecht  immerhin  von
wendischen  Herren.  Ein  deutscher  Ritter  kennt  keine
Fupcht.  Wohl  verehrt  und  achtet  er  die  holdseligen
Frauen,  aber  er  fürchtet  sie  nicht.  Und  überdies!
Hättet  Ihr  mir  in  Eurer  ersten  Erregung  den  tödlichen
  Pfeil  gesandt,  ich  glaube  dennoch,  meine  bre-Unsler

  Dommerloand  —

chenden  Augen  hätten  die  Euren  in  anderem  Glanze
erschaut,  als  da  Ihr  mir  gegenüber  zu  Nosse  saßet.
So  wäre  ich  einen  süßen  Tod  gestorben.“

Und  als  bei  diesen  Worten  wiederum  jähe  Nöte
in  das  liebliche  Antlitz  des  jungen  Weibes  schoß
umd  sie,  wie  ihrer  selbstd  vergessen,  in  der  Mähne
des  Nößleins  spielte,  auch  keine  Anstalten  traf,  den
Platz  zu  verlassen,  da  ergriff  der  Ritter  abermals
ihre  Hand  und  preßte  seine  Lippen  in  heißem  Kusse
auf  die  rosige  Haut.  Und  dann  hatte  er  plötzlich
die  Widerstandslose  aus  dem  Sattel  gehoben,  drückte

sie  mit  fröhlichen  Jubelruf  an  seine  Brust  Uund
küßte  sie  stirmisch  auf  Mund  und  Wangen.  Umnd

das  stolze  Fräulein,  das  bisher  gleich  ihrem  Vater
jeden  Deutschen  bitter  gehaßt  und  tief  verabscheut
hatte,  duldete  in  seliger  Wonne  des  Ritters  Kuüsse
und  Umarmungen.  Aber  dann  löste  sie  sich  plötzlich
  aus  seinen  Armen  und  sagte  voll  Bitterkeit  und
schmerzlicher  Trauer:  „Herr  Ritter,  Ihr  vergaßl
Euer.  Einem  Mädchen  des  verachteten  Wendenvolkes
  bezeigtet  Ihr  Eure  Freundlichkeit.  Ihr  werdet
  Euch  daheim  Eurer  Uebereilung  und  Verirrung
schämen  müssen."

Aber  da  ergriff  Kunrad  ihre  Hand  und  indem
er  ihr  treu  und  liebewarm  in  die  Augen  schaute,
entgegnete  er:  „Ihr  irrt,  vielliebe  Fraue,  ich  küßte
meine  Herzgeliebte  und  weiß  zur  dreimal  seligen
Stunde,  daß  auch  sie  mir  voll  inniger  Minne  zugetan
  ist.  Wenn  der  einfache  deutsche  Ritter  ihr
nicht  zu  gering  erscheint,  wird  dieser  das  Röslein
vom  Strande  nach  schicklicher  Frist  vom  Vater  zu
seiner  Eheliebsten  begehren.“

Voll  seligen  Entzückens  und  mit  leuchtenden
Augen  hatte  das  Mägdlein  den  Worten  des  Ritters
  gelauscht,  aber  dann  ging  ein  Schatten  über
ihr  liebliches  Angesicht,  und  sie  vertraute  dem  Geliebten
  an,  wie  großen  Haß  ihr  Vater  gegen.  die
deutschen  Siedler  hege  und  wie  er  es  nie  gestatten
würde,  daß  sie  sein  Eheweib  werde.  Kunrad  aber
sprach  ihr  Mut  zu  und  sagte  schließlich:  „Hoffentlich
  wird  Dein  Vater  noch  anderer  Meinung  werden,
  sobald  er  mich  nur  erst  genauer  erkannt  hat.
Auch  besitze  ich  in  meinem  Ohm,  dem  hochwürdigen
Herrn  Bischof  Adalbert  zu  Wollin  einen  mächtigen
Beistand.  Ich  werde  ihn  bitten,  seinen  Freund,
euren  Fürsten,  zu  bewegen,  daß  er  mein  Freiwerber
bei  Deinem  Vater  werde,  und  ich  vertraue,  daß  es
dem  hohen  Herrn  gelingen  wird,  dessen  Trotz  zu
besiegen.“

Und  nun  wußte  Kunrad  der  Maid  so  trostreich
zuzusprechen,  daß  endlich  Hoffnung  in  ihr  bangendes
  Herz  einzog.  Sie  berichtete  dem  Geliebten,  daß
ihr  Vater  schon  vor  Wochen  eine  längere  Reise  angetreten
  habe.  Darauf  beredeten  beide,  wie  sie  sich
voran  des  öfteren  heimlich  sehen  und  ihrer  Liebe
pfblegen  möchten.  Und  da  versprach  Kunrad,  demnächst
  an  bestimmtem  Tage  und  zu  vereinbarter
Stunde  mit  seinem  Boote  an  einer  Stelle  des  einsamen
  Strandes  zu  landen,  die  nicht  weitab  von
dem  Lindenbache,  dem  Abfluß  des  Schilfsees  in  das