Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Denkschrift  (Arnims)  1848  April  28.  253

verwendet  werden  sollen,  oder  zum  Schutz  deutscher  Gesamtinteressen,  wie  und  wo
dieselben  auch  angegriffen  werden  möchten,  innerhalb  oder  außerhalb  der  unmittelbaren
  Bundesgrenze,  zu  Lande  oder  zur  See.  »

3.  Die  polnische  Frage  wird  von  doppelter  Wichtigkeit,  wenn,  was  sehr  möglich
ist,  und  von  vielen  für  sehr  wahrscheinlich  gehalten  wird,  in  Frankreich  ein  solcher
Umschwung  der  Dinge  eintreten  sollte,  daß  die  dortige  Regierung  sich  genötigt
sähe,  den  Polen  geradezu  durch  einen  Angriffskrieg  gegen  Rußland  zu  Hilfe  zu
kommen,  oder  wenigstens  sich  den  Anschein  davon  zu  geben,  indem  sie  den  Durchzug
  eines  Truppenkorps  durch  Deutschland  begehrte.  Wie  verderblich  aber  der
Einmarsch  oder  Durchmarsch  französischer,  republikanischer  Truppen  in  Deutschland
  wäre,  wie  sehr  er  die  an  vielen  Stellen  schlummernden,  oder  gar  wachen,
republikanischen  Gelüste  wieder  anreizen  würde,  das  bedarf  wohl  keiner  weiteren
Ausführung.  In  welche  Verlegenheit  aber  die  Verweigerung  eines  solchen  Ourchmarsches
  uns  setzen  könnte,  nicht  allein  dem  Auslande  gegenüber,  sondern  wie  heftig
man  uns  im  Inlande  selbst  gleich  der  Russenfreundschaft  und  des  Verrates  an  der
polnischen  Sache  beschuldigen  würde  —  das  ist  auch  klar.  Eine  vorhergegangene
Neutralitätserklärung  oder  eine  schon  bestehende  Neutralität,  und  wenn  sie  auch
nur  einen  Monat  bestanden  hätte,  würde  uns  nach  beiden  Seiten  hin  sichern;  sie
würde  uns  erlauben,  Frankreich  gegenüber  zu  sagen:  wir  müssen  gegen  euch  verfahren,
  wie  wir  gegen  Rußland  verfahren  würden,  wenn  es  die  Republik  angreifen
wollte;  —  und  dem  Inlande  gegenüber:  wir  halten  nur  fest  an  dem  großen  Prinive
  des  Friedens,  das  ihr  selbst  feierlich  sanktioniert  habt,  und  welches  ihr  unmögich
  gleich  wieder  brechen  könnt.  Wie  die  Völker  und  die  Menschen  sind,  würde  die
Berufung  auf  ein  solches  sanktioniertes  Prinzip  die  Anwendung  auf  den  einzelnen
Fall  sehr  erleichtern.  Es  wird  uns  auch  zu  einem  kräftigen  Einschreiten  gegen  die
Eresscharen  an  der  russischen  Grenze  ermächtigen,  wenn  ein  solches  nötig  werden
ollte.  «

Aus  diesen  Gründen  muß  ganz  Deutschland  die  baldige  Erklärung  der  Neutralität
wünschen,  um  nicht  von  den  Ereignissen  überstürzt  zu  werden,  ehe  es  die  Basis
seiner  neuen  Politik  feftgestellt  hat.

Aber  für  Preußen  kommt  noch  ein  anderer  Grund  hinzu,  welcher  ihm  die  Beschleunigung
  dieser  Frage  höchst  dringlich  macht.  Es  ist  nämlich  die  sicherste  Ark,
um  Österreich  zu  einer  Entscheidung  und  Erklärung  öber  seine  Stellung
  zu  Deutschland  zu  drängen.  Die  Stellung  Preußens  und  die  Stellung
Osterreichs  bedingen  sich  gewissermaßen  gegenseitig;  darum  muß  Preußen  alles
daran  liegen,  daß  Österreichs  Stellung  klar  hervortrete,  wenn  das  deutsche  Parlament
  in  Frankfurt  zusammen  kommt.  Noch  ist  Hsterreichs  Stellung  eine  halbe,
unentschiedene;  es  schwebt  zwischen  seinen  slawischen  und  deutschen  Elementen,
zwischen  einer  deutschen  und  einer  europäischen  Macht.  Die  Neutralitätserklärung
wird  es  zwingen,  sich  zu  entscheiden;  ihr  muß  es  zunächst  die  Verwendung  seines
Bundeskontingents  zu  außerdeutschen  Jwecken,  und  damit  wahrscheinlich  einen
großen  Teil  seiner  außerdeutschen  Provinzen,  seiner  Nebenländer,  zum  Opfer
bringen,  wenn  es  sich  rein  und  offen  dem  Deutschen  Bunde  hingeben  will.  Es  kann,
indem  es  sich  an  dieser  Neutralität  beteiligk,  keine  andere  Politik  mehr  haben,  als
die  deutsche;  will  es  neben  und  außer  Deutschland  noch  eine  Großmacht  bilden,  so
kann  es  der  Neutralität  nicht  beitreten,  aber  auch  ihrer  selbst  und  ihres  Schutzes
nicht  teilhaftig  werden.  Jedenfalls  also  muß  es  bei  dieser  Gelegenheit  wählen;
und  was  es  auch  wählen  möge,  es  kommt  alles  darauf  an,  daß  es  jetzt  wähle,
damit  der  neue  deutsche  Reichstag,  die  beschließende  Versammlung  in  Frankfurt
wisse,  was  Deutschland  an  HÖsterreich  haben  wird.  Es  mag  in  Österreichs  jetzigem
Interesse  liegen,  zu  zaudern,  abzuwarten,  eine  halbe  Stellung  beizubehalten;  —  in
Deutschlands  Interesse  liegt  das  ganz  gewiß  nicht.  Dies  kann  seine  neue  Bundesverfassung
  nur  gestalten,  wenn  es  weiß,  wie  Österreich  steht.  —  Auch  in  Preußens