17. Österreichiache Verfassung 1849. 945
17. Reichsverfassung für das Kaisertum ÖsSterreich
(nebst dem dazu gehörigen Manifeste)
1849 März 4.
„Allgemeines Reichs8-Gegsetz- und Rogierungsblatt für das Kaiserthum
Osterreich, Jg. 1849, S. 148ff.; Reichsvorfasgung für das Kaiserthum
Osterreich 8ammt den Manifesten (Wien 1849).
[Diese Verfassung wurde 1851 Dez. 31 aufgoboben.]
| Wir Franz Joseph der Erste, von Gottes Gnaden Kaiser von
Österreich, König von Hungarn und Böhmen ete. Als vor nahe
einem Jahre Unser durchlauchtigster Herr Vorgänger im Reiche,
Kaiser Ferdinand der Erste, dem allgemeinen Wunsche nach zeitgeinäsSen
politischen VerbesSerungen durch die VerheisSung freier
Institutionen bereitwillig entgegenkam, verbreiteten Sich im ganzen
Reiche die Gefühle der Dankbarkeit und freudiger Erwartung.
Aber nur wenig entsprachen die sSpätern Erlebnisse 80 gerechter
Hoffnung. Der Zustand, in welchem Sich heute das Vaterland befindet,
erfüllt Unser Herz mit tiefer Betrübnis. Der innere Friede
ISt von ihm gewichen. Verarmung bedroht die einst So geSegneten
Lande. In der Haupt- und Resgidenzstadt Wien erheischen die
Umtriebe einzelner Übelwollender noch immer zu Unserem grossen
Leidwesen und unerachtet der trefflichen Gesinnung dier überwiegenden
Mehrzahl ihrer Bewohner die Aufrechthaltung des Ausnahmszustandes.
Bürgerkrieg verheert einen Teil Unseres Königreiches
Ungarn. In einem anderen Kronlande hindert der Kriegszustand
die Einführung geordneter Verhältnisse, und, wo die
äusserliche Ruhe auch nicht gestört ist, wirbt um Anhang, im
Finstern schleichend, der Geist des Misstrauens und der Zwietracht.
* So betrübend Sind die Wirkungen, nicht der Freiheit, aber
des mit ihr getriebenen Missbrauches. Diegem Missbrauche zu
Steuern, die Revolution zu Schliesgen, ist Ungere Pflicht und
Unser Wille.
In dem Manifeste vom 2. Dezember hatten Wir die Hoffnung
ausgesSprochen, dlass es Uns mit Gottes Beistand und im Einver-Ständnisse
mit den Völkern gelingen werde, alle Lande und Stämme
der Monarchie zu einem grossen Staatskörper zu vereinigen.
Allenthalben in UnSerem weiten Reiche fanden diese Worte freudigen
Anklang, denn Sie waren der Ausdruck eines längst gefühlten,
jetzt zum allgemeinen Bewusstsein gelangten Bedürfnisses. In
der Wiedergeburt der Gesamtmonarchie, in der engeren Verbindung
ihrer Bestandteile erkennt der gesunde Sinn des Volkes die
erste Bedingung für die Wiederkehr der gestörten Ordnung und
des entwichenen Wohlstandes, Sowie die Sicherste Bürgschaft für
eine gesegnete und glorreiche Zukunft.
Mittlerweile beriet zu Kremsier der von Kaiser Ferdinand
dem Ersten berufene Reichstag eine Verfassung für einen Teil der
Monarchie. Wir beschlossen -- mit Hinblick auf die von ihm
während des Oktobers eingenommene, mit der Unserem Hause