Das deulsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 21—27.) 101
bevor sie den von Preußen eingeschlagenen Weg beträten, den Erfolg ab-
warten. Die Regierung theile nicht die Befürchtung, daß die Handwerker
sich als unfähig zur selbstständigen zeitgemäßen Belebung des Innungswesens
erweisen würden. Sollte sich Dieß indeß herausstellen, so würde man frei-
lich auf die Gesetzgebung zurückkommen müssen. Wiggers befürwortek, den
Antrag Seydewih a liminc abzulehnen. v. Her ttics kritisirt den Autrag
nach verschiedenen Richtungen und beantragt Verweijung desselben an eine
Commission. Lasker nimmt im Wesentlichen gegen den Antrag Stellung,
da dieser sich zwar formell gegen Innungszwang ausspreche, denselben aber
thatsächlich enthalte, empfiehlt indeß Verweisung an die Commission. Günther
pricht für den Antrag: die Consolidation der gewerblichen Verhältnisse be-
inge größere staatliche Aussicht und Organisation. Bauer trilt für freies
Innungswesen ein, indem er hofft, daß durch dessen Ausbildung das Heimaths-
bedürfniß gestärkt werde, er will aber gleichfalls Verweisung an eine
Commission.
21.— 27. März. (Deutsches Reich.) Reichstag: Debatte
über einen Antrag Schneegans (und der autonomistischen Partei des
Elsaßes): „den Reichskanzler zu ersuchen, er wolle darauf hinwirken,
daß Elsaß-Lothringen eine selbständige, im Lande befindliche Re-
gierung erhalte.“ Rede des Reichskanzlers. Schließlich wird der
Antrag einstimmig angenommen.
Debatte: Abg. Schueegauns weist in einem rinstündigen Vortrage
nach, daß der gegenwärtige Zustand in der Verwaltung der Reichslaude un-
Mmöglich forlbestehen könne: den Mangel an Verantwortlichkeit auf Grund des
Annexionsgesetzes und den Luxus in den Instanzenzügen: Kreisdirection, Be-
zirkspräsidium, Oberpräsidium, Reichskangleramt, Vundesrath, die nicht nur
nicht immer zusammen arbeiten, sondern häufig einander neutralisiren. Kein
deutscher Staat würde es ertragen, daß die centrale Substanz seiner Regier-
ung sich außerhalb seiner Grenzen befinde. Der Wunsch der Engländer,
„die rechten Männer an der rechten Stelle“ zu sehen, ist hier unerfüllbar,
denn die rechte Stelle ist noch nicht geschaffen. Neben der Collision alter
frangösischer und neuer NReichsgesetzgebung, welche in Straffällen doppelte Schläge
austheilen, noch die Fehlgriffe der höheren Beamten, die sast den Glauben
erwecken, man müsse, um etwas zu erreichen, ein Gegner des Reiches und der
Negierung sein. Dem evangelischen Oberconsistorium, dessen Mitglieder von
Anfang an auf dem Boden der neuen Verhältnisse slanden, hat man höchst
bedauerlicher Weise verbrien, einen Wunsch nach Ausarbeitung eines Schulge-
setzes protokollarisch zu veröffentlichen. Ein höherer Staaksbeamter *
„Sympathien brauchen wir überhaupt gicht, sondern Gehorjam!“ Die Reichs-
lande siehen vor einer vollständigen # Lahmlegung der gangen gesetzgeberischen
und organisirenden Gewalt. „Wir sind,“ sagt der Redner, „zwar Deutsche
geworden, erfüllen auch die Pflichten, die allen Deulschen obliegen, sind aber
Deutsche zweiter Classe, wie ekliche sagen, sogar Preußen drikter Classe. Machen
Sie aus uns Deutsche erster Classe, das heißt mit den anderen gleichgestellte,
Hleichberechtigte. Der sogenannte Uebergangszustand, in dem sich die R eichs-
nde befinden sollen, kann nur zur Absorbirung durch einen der denischen
Staaten oder zur Antonomie führen. Der erste Weg kann nicht mehr einge-
schlagen werden, es bleibt nur noch der zweite übrig, auf den Fürst Bismarck
schon im Jahre“ 1871 hingewiesen hat und den Bezirkslage und „Landesaus-
schuß empfohlen haben. Als Endziel stellt der Redner auf: 1) Die Einsetz-
ung einer selbstständigen in Straßburg residirenden, mit Vollmachten aus-