294 XIV. Zurückhaltung in der Wahlrechtsvorlage
Wahlkampf nur die Herren Lloyd George und Clemenceau ihre Freude
haben würden. Sollte eine solche Einigung aber, wie es scheint, nicht er-
folgen, so bitte ich, nicht zu vergessen, daß die unausgetragene Spannung
der abgelehnten Wahlrechtsvorlage die Stimmung im Innern bis zum
letzten Kriegstage beherrschen würde. Während gegenwärtig aller Augen
auf das außenpolitische Kriegsziel gerichtet sind und die Mehrheit des
19. Juli unter dem energischen Sichaufbäumen der Siegesstimmung im
deutschen Volke zusammengebrochen ist, würde die Ablehnung des gleichen
Wahlrechts mit einem Schlage die innerpolitische Plattform der Wahl-
rechtsfrage in den Vordergrund stellen und damit gerade die Gruppe des
19. Juli erneut stärken. Dem „Berliner Tageblatt", dem „Vorwärts“ und
der „Germania“ des Herrn Erzberger könnte gar kein größerer Triumph
beschieden werden, als wenn jetzt die Wahlrechtsfrage das innere Leben
Deutschlands bis zum Kriegsschluß beherrschen würde und damit alle Par-
teien, welche geschlossen oder in ihrer Mehrheit für das gleiche Wahlrecht
eintreten, darunter auch die nationalliberale Partei, an die Seite dieser
Mehrheit gedrängt werden, während es die Forderung des Tages ist, die
Wahlrechtsvorlage aus der Debatte des Tages verschwinden zu lassen, um
die Zusammenfassung der seelischen Kräfte der Nation für die Auswirkung
der deutschen Siege zum Aufbau eines größeren Deutschlands vorzubereiten
und durchzuführen und Herrn Scheidemann mit seiner Politik des Status
ano wieder so zu isolieren, wie dies in den ersten Jahren des Krieges der
Fall war. Nichts aber würde, ich kann das nicht oft genug wiederholen,
diese Entwicklung stärker unterbrechen, als die dauernd wachgehaltene
Erregung über die Ablehnung der Wahlrechtsvorlage durch ein Hinaus-
schieben der notwendigen Entscheidung.
So unerwünscht ein Wahlkampf wegen der Rückwirkung auf das
Ausland wäre, so besteht doch gar kein Zweifel darüber, daß er sich ver-
hältnismäßig sehr schnell und ruhig vollziehen würde. Bei der Form des
Dreiklassenwahlrechts haben die preußischen Wahlen überhaupt niemals
eine große Erregung hervorgerufen. In all den Fällen, in denen Wahl-
rechtsfreunde bisher gegeneinander kandidierten, würde der Burgfrieden
gewahrt werden, so daß ein Wahlkampf gar nicht in Frage käme. Ge-
kämpft würde schließlich nur in etwa 75 Wahlkreisen, da die Entscheidung
ja von wenigen Stimmen abhängig ist. Nach vier Wochen aufgeregter
Pressekommentare wäre die Ruhe wieder eingekehrt, und wir könnten
uns daraufhin konzentrieren, den Siegeswillen des Volkes wachzuhalten
und hätten die Bahn frei für die außenpolitischen Fragen.
Vor allem aber möchte ich als einer von denen, die in Hunderten von
Versammlungen sich für die unbedingte Autorität der Obersten Heeres-
leitung eingesetzt haben, auf das dringendste davor warnen, daß sich die