Ernährung. 51
Mas die Menschen elslsen.
Wenn unsere Hausfrauen kochen, so stellen sie die Gerichte nach Herkommen
und persönlichem Geschmack zusammen, wie sie es von ihrer Mutter
gelernt haben, wie es in einer feinen Gasthofsküche gezeigt wurde, wie es
ein berühmtes Kochbuch lehrt usw. Je nach Land und Leuten wird aber
überall Verschiedenes gelehrt. Wir müssen fragen: Was ist absolut schlecht
an diesen Einrichtungen landesüblicher Küchen, und wie weit sollen unsere
Gewohnheiten allein herrschen dürfen? Eine wissenschaftliche Ernährungslehre
muß über allen Sitten und persönlichen Gewohnheiten stehen, sie muß
uns als Richtschnur bei der Beurteilung von gut und schlecht dienen, womit
jedoch nicht gesagt sein soll, daß vernünftige, durch Bodenverhältnisse
begründete Gebräuche bekämpft werden sollen. Oberherrschaft, trotz aller Landessitten,
hat nur die französische Küche bisher errungen, da sie wie keine andere
den menschlichen Schwächen zu huldigen versteht. Im Osten wie im Westen
genießt sie hohes Ansehen: durch höchstes Raffinement und Feinschmeckerei —
allerdings stets in Verbindung mit einer gewissen Eleganz — haben ihre Kunstwerke
immer dem Gaumen mehr als dem Magen gedient. Daher mußte sie
Erfolg bei verfeinerten, nicht arbeitenden Menschen haben, bei welchen Nervenschwäche,
Magenerschlaffung, Darmträgheit chronisch sind. Durch Verkleinerung
der Nahrungsmittel, durch Einwässerung, Einsalzen, Mischen und Würzen
werden diese fast unkenntlich, doch aber für schwache Magen verdaulicher, da
ungemischte Speise, welche in ursprünglicher Beschaffenheit sowohl Kauarbeit
als auch kräftige Betätigung des Darms erfordert, für solch verwöhnte Personen
ungenießbar geworden ist.
Dem Tiere ist seine Nahrung im allgemeinen vorgeschrieben, durch
Körperbau und Instinkt bestimmt; das Pferd frißt kein Fleisch von Leichen,
der Hund keine rohen Körner, der Löwe keine Baumfrüchte. Was aber ist
die eigentliche Nahrung des Menschen?
Wir sehen ihn Tier-, ja sogar Menschenleiber verzehren, alle Wurzeln,
Samen, Strauch= und Baumfrüchte, Kräuter, Milch der Säugetiere, Eier der
Vögel — alles, was er erreichen kann! Sein Anpassungsvermögen ist groß,
er kann bei ganz verschiedener Nahrung bestehen, gedeiht aber nicht auch
bei jeder in gleichem Maße. Auf die Frage: welche Nahrung ist für den
Menschen die beste? läßt sich nicht absolut antworten, weil seine Lebensverhältnisse
zu verschiedene sind und im eisigen Norden beispielsweise andere
Anforderungen an seinen Organismus gestellt werden als in brennend heißen,
südlichen Ländern. Maßgebend bleiben für uns allein die Baustoffe seines
Körpers, die durch die Nahrung wieder ersetzt werden müssen und uns daher
bei der Wahl der Nahrung auleiten sollen. Ihre Form kann je nach Land
und Klima verschieden sein, sie selbst sind natürlich immer dieselben. Wenn
Reisende von Indianern oder Australiern erzählen, sie äßen Schlangen, Würmer,
1