Metadata : Sagenbuch des Königreichs Sachsen

—  232  —

nicht  dich,  sondern  einen  anderen.“  In  Wittichenau  hörte  man  sie
angeblich  vor  dem  Brande  von  1822,  und  in  Bautzen  hatte  sie
ihren  Sitz  an  dem  Orte,  wo  jetzt  das  Schauspielhaus  steht.  Dort
ließ  sie  sich  stets  hören,  wenn  der  Stadt  ein  Unheil  drohte,  so  vor
der  Pest  von  1519,  1586,  1611,  1612  und  1614,  bei  dem  großen
Brande  von  1634  und  bei  einer  Uberschwemmung  1552,  jetzt  hat
man  sie  aber  längst  nicht  mehr  gehört.  Indessen  soll  dieser  Schutzgeist
  nicht  von  jedermann,  sondern  nur  von  einigen  gehört  und
gesehen  werden,  und  der  Glaube  an  denselben  geht  so  weit,  daß
viele  Wenden  bei  Abseihung  eines  kochenden  Topfes  oder  Ausgießung
siedenden  Wassers  die  Vorsicht  brauchen  und  zu  sagen  pflegen:  „Gehe
weg,  damit  ich  dich  nicht  verbrühe.“  Täten  sie  dieses  nicht,  so  besorgen
  sie,  sie  möchten  sich  selbst  verbrühen,  und  wenn  bei  manchen
Hitzblattern  auffahren  oder  sich  ein  Ausschlag  zeigt,  so  geraten  sie
auf  den  Gedanken,  sie  wären  von  diesem  Geiste  verbrühet  worden.
Daher  sagen  sie:  „Die  Wehklage  hat  dich  verbrüht.“  Dafür  gebrauchen
  sie  folgende  Kur:  Sie  schmieren  das  Ofenloch  mit  Butter
und  sprechen:  „Wehklage,  ich  schmiere  dich,  heile  mich,  du  hast  mich
verbrüht!“  Dann  nehmen  sie  den  Brausch  (d.  h.  den  Schaum)  von
einem  hochenden  Topfe  und  schmieren  den  Schaden,  welches  gewiß
helfen  soll.

294.  Auf  der  Wehlklage.
Luzica,  1887,  S.  52;  übersetzt  von  Dr.  Pilk.

Vor  Zescha  liegt  das  Gut  „Auf  der  Wehklage“.  Ein  Zuhhirt
  auf  der  Wehklage  hatte  Klee  gestohlen;  der  Hausherr  haute
ihn  dafür  durch.  Der  Kuhhirte  wollte  sich  rächen  und  erschlug  seinen
Herrn.  In  der  Nacht,  bevor  die  Ubeltat  geschah,  hat  Gottes  Wehklage
  auf  der  „Wehklage“  geweint  und  gejammert.  Der  Kuhhirte
wurde  nach  der  Sitte  jener  Zeit  verurteilt,  daß  er,  mit  dem  BRücken
an  eine  hölzerne  Säule  gebunden,  auf  dem  Scheiterhaufen  verbrannt
  würde.  Als  man  die  Säule  gesetzt  und  den  Scheiterhaufen
  aufgelegt  hatte,  hat  Gottes  Wehklage  weiter  die  ganze
Nacht  geklagt  und  noch  trauriger  geheult.