472 Österreich hat eine neue und ganz veränderte Situation geschaffen.
versetzte, die Sicherheit Preußens von den Entschließungen Oestreichs abhängig zu machen
u[nd] folgenschwere Verhandlungen in wehrlosem Zustande mit dem gerüsteten Oestreich zu
führen.²
Wir können nicht glauben, daß die pp. Regierung sich über den Charakter und die Moti-
vierung der österreichischen Rüstungen täusche, oder daß sie mehr Veranlassung als wir haben
sollte, bei dem Königreich Italien offensive Absichten vorauszusetzen. Ebensowenig aber wird
sie sich verhehlen können, daß gerade in der Hartnäckigkeit, mit welcher das Wiener Kabi-
nett auf der Fortsetzung seiner Rüstungen beharrt und ihnen nunmehr, nachdem jede Besorg-
nis vor offensiven Absichten Preußens hat schwinden müssen, eine, wie es scheint, ebensowenig
berechtigte Wendung gegen Italien zu geben versucht, eine ernstliche Gefahr größerer Kompli-
kationen und wirklicher Konflikte liegt.
Wenn diese Komplikationen eintreten sollten, wird die Königliche Regierung sich sagen
können, daß sie ihrerseits alles getan hat, was in ihrer Macht stand, um dieselben zu verhin-
dern. Es ist nicht ihre Schuld, wenn in dem Augenblick, wo sie bereit war, ihre friedlichen
und versöhnlichen Gesinnungen durch die Tat zu beweisen und den österreichischen Wünschen
entgegenzukommen, das Wiener Kabinett eine neue und ganz veränderte Situation herbei-
führt, welche es ihr unmöglich macht, ihre Absichten zur Ausführung zu bringen.
Wenngleich nach den neuesten Nachrichten die österreichischen Rüstungen Gegenmaßregeln
auf italienischer Seite zur natürlichen und notwendigen Folge gehabt haben und dadurch die
Situation ohne Zweifel erschwert worden ist, so liegt es vielleicht noch in der Hand Öster-
reichs, durch eine offene und ehrliche Rückkehr zu dem Friedensstande die unheilvollen Folgen
abzuwenden, welche es durch seine unmotivierten und vorgreifenden Maßregeln heraufzu-
beschwören droht. Nur wenn die Stimme besonnener Staatsmänner im Rate Seiner Majestät
des Kaisers von Österreich über die Tendenzen einer kriegerischen Partei, an deren Einflüssen
wir leider nicht mehr zweifeln können, die Oberhand gewönne, dürfen wir hoffen, daß der für
die Entwicklung aller materiellen Interessen so wichtige und so sehnlich gewünschte Friede er-
halten bleibe und eine allgemeine Beruhigung der Gemüter eintrete.
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, diese Betrachtungen der ernsten und sorgfältigen Erwägung
der pp. Regierung anheimzugeben.
*318. Erlaß an den Gesandten in Petersburg Grafen von Redern.
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.]
Am 29. April hatte Graf Redern aus Petersburg gemeldet: „Fürst Gortschakow sagte
mir, der Kaiser würde sich persönlich verletzt fühlen müssen, wenn Preußen die Vorschläge
Österreichs ... von der Hand weisen wolle. Preußen könne Österreich nicht untersagen wollen, sich
gegen einen Dritten zu verteidigen; die Geschichte weise keinen ähnlichen Fall auf. Der Kaiser rufe
daher die Gerechtigkeitsliebe des Königs an und bitte Seine Majestät inständigst, auf die öster-
reichischen Vorschläge annehmend einzugehen.“ Darauf antwortete Bismarck umgehend tele-
graphisch: Der König könne von dem eigenen militärischen Gefühl des Kaisers nicht glauben,
daß dieser ihm zumuten wolle, sich angesichts der fortgesetzten österreichischen Rüstungen wehrlos
zu machen; die Nachrichten über die angebliche Bedrohung Österreichs durch Italien seien
in Wien lediglich als Vorwand neuer Rüstungen gegen Preußen erfunden. Gleichzeitig wurde
der Militärbevollmächtigte in Petersburg von Schweinitz, der sich eines wachsenden persönlichen
Einflusses bei Kaiser Alexander II. erfreute (vgl. dazu Denkwürdigkeiten des Botschafters
2 Der Schluß des Satzes von den Worten an: „die Sicherheit Preußens ...“ eigenhändiger Zusatz
Bismarcks.