Full text: Entstehung und Bedeutung der Preußischen Städteordnung.

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senkrecht, ein Oberstock oder zwei — die Gadem — springen über das 
untere Stockwerk vor, der zweite wieder über den ersten, und darin sind 
wieder Erker und Söller. Diese Überhänge, Ausschüsse und Erker brechen 
die Fluchtlinie bei jedem Hause anders, verengen das Licht und nähern 
die oberen Stockwerke der gegenüberliegenden Häuser. Aber das malerische 
Bild hoben diese Überhänge, Lauben, Erker, Chörlein doch sehr und dazu 
kamen nun die meist spitzen Giebel und die durch Türmchen, durch 
künstliche Gestaltung der Schornsteine, auch durch phantastische Wasser- 
speier belebten Dächer. 
Zwischen den kleineren Häusern stehen einzelne größere Steinbauten 
im Besitz der Stadt oder wohlhabender Bürger, sie sind aber, auch in 
den größeren Reichsstädten, selten; ihre feuerfesten Gewölbe und der Stein- 
zierat ihrer Front sind der Stolz der Besitzer. 
Eine wesentliche Verbesserung trat im 13. Jahrhundert durch die 
Ausbildung des Holzbaus zum Fachwerkbau ein, der dann bald, nament- 
lich in den Städten nördlich vom Harze, eine prächtige künstlerische Aus- 
bildung erhielt. Aber auch jetzt noch blieb der Ausbau durchweg ein 
sehr schlichter, namentlich deckte man immer noch mit den feuergefährlichen 
Schindeln und mit Stroh. 
Eine Fülle von Sonderbildungen wurden jedem Zwecke mit naiver 
Treue gerecht. Über all diese bunten architektonischen Elemente ergossen 
sich mit dem Schluß des Mittelalters die Strahlen einer kräftig und 
selbstgewiß entwickelten Kunstübung im Handwerk; Skulptur und Malerei 
ließen sich auf den Holzteilen und den Steinwänden der Straßenfronten 
nieder, bis in der Ausmalung ganzer Fassaden durch einen Holbein und 
Burgkmair im 16. Jahrhundert ein Höhepunkt sondergleichen erreicht ward. 
Zwischen Herden und Strohdächern erheben sich großartige Kirchen, 
riesige kunstvolle Bauten, in denen die Bürgerschaft mit Stolz zeigt, 
was Geld und Arbeit in ihr vermag. Unter den alten Kaisern der 
Sachsen, Franken, Hohenstaufen sind die großen romanischen Bauten mit 
edlen Kuppeln, starken Säulenreihen und hohem Mittelschiff aufgerichtet 
worden, jetzt aber baut nach verändertem Geschmack die Stadt ihren Dom 
mit Strebepfeilern und ungeheuren Fenstern, die durch Glasgemälde ge- 
schlossen werden, mit hohen Spitztürmen, deren kunstvolle Gliederung und 
durchbrochene Steinmetzarbeit über alle anderen Türme gegen die Wolken 
ragen soll. Es ist ein riesiges Werk, berechnet auf die frommen Beiträge 
vieler Geschlechter. 
Zahlreich sind die Gotteshäuser, außer den Stadtkirchen kleinere 
Kirchen und Kapellen, auch solche, welche von Gesellschaften und Privat- 
leuten unterhalten werden, mehrere vornehme Stifter und mehrere Klöster 
der Bettelorden, die Klöster und ihre Kirchen womöglich durch eine Mauer 
abgeschlossen. 
Die Freudigkeit im Schaffen, jener Optimismus, wie er sich aus