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ausläutet. Da ziehen auf allen Straßen die Karren und Menschen zu
den Toren hinaus, Stadt und Land haben ihren Bedarf ausgetauscht,
die Sonne hat freundlich geschienen, der Handwerksmann hat manches
Geldstück in seinen Kasten hinter das kupferne Zahlbrett geschoben.
Daß die Handwerker sich stolz in ihrer Kunst fühlten, sah man
schon auf der Straße an den Häusern, wo ihre Innungsstuben waren.
Denn sie hatten, wie die Patriziergeschlechter, ein schönes Wappen.
Wir aber sehen mit Teilnahme auf diese bescheidene Arbeit des
kleinen Mannes jener Zeiten zurück. Nicht in der Poesie und nicht in
der Wissenschaft, ja vielleicht nicht in Geselligkeit und Familienleben
jener Jahre gewannen die liebenswerte Innigkeit des deutschen Gemütes
und die opfervolle Hingabe an frei erwählte Pflicht ihren höchsten Aus-
druck. Sie gewannen ihn aber in der Werkstatt, wo der Deutsche
meißelte, schnitzte, in Formen goß und mit Zirkel und Hammer bildete.
Seine Freude am Schaffen und die Achtung vor dem Geschaffenen, in das er
eigentümliches Leben sinnig hineinbildete, das war auch eine echte Poesie.
In unserer Stadt aber dauert die Bewegung; wie die Sonne sinkt,
treibt die heitere Aufregung des Tages die Bürger wieder in die Straßen,
jetzt freuen sie sich geschäftslos des milden Abends, und jetzt erst be-
ginnt ihnen der Genuß des Tages. Nicht im Hause, und nicht bei
Weib und Kind, sondern auf der Straße und auch in der Trinkstube
unter den Genossen. Auch das ist charakkteristisch.
Darum füllten sich Marktplätze und Straßen der Stadt am Abend,
der Handwerksgesell und der junge Schreiber gassierten und zeigten sich
den Mädchen, die an Fenster und Türe standen und die Grüße und
Scherzreden empfingen. Wer am Abend Geld im Beutel hatte, ging in
die Trinkstuben. Sie waren zahlreich und für jede Art von Ansprüchen.
(Um 1300 war in Erfurt keine Straße, worin nicht fünf bis sechs
Schenken lagen.)
War aber die Sonne gesunken, dann wurde es finster und leer in
den Straßen der Stadt, denn Beleuchtung gab es noch nicht; nur wenn
eine Menge vornehmer Gäste oder fremdes Kriegsvolk am Orte lag, und
in Nächten, wo Feindesgefahr drohte, befahl der Rat, daß jeder eine Laterne
vor sein Haus hänge, eine Fackel oder Blech mit brennendem Kienholz.
Das lustige Leben der Schenke hört auf, sobald die Ratsglocke zum
erstenmal läutet, dann müssen alle Häuser geschlossen werden und kein
Wirt darf im Hause schenken, nur über die Straße. Nach dem letzten
Läuten soll niemand auf der Straße sein, er wird angehalten und auf
die Wache geführt, nur der Rat ist frei.
Das Hämmern in der Werkstatt ist vorüber, nur die Stadtwache
schritt durch die menschenleeren Gafsen und der Nachtwächter, dessen Amt
zu den ältesten der deutschen Städte gehörte.
Auf dem Turm aber hielt der Wächter seinen Umgang und spähte
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