Full text: Illustriertes Realienbuch.

— 14 — III 
Pflaumenbaume einen Maikäfer. Eine Meise durchsucht die Kohlblätter oben 
und unten nach Raupen und Insekteneiern. Graubraune Spatzen balgen sich 
kreischend. Ein Sperber stößt herab und trägt einen davon. In Vusch und 
Baum erklingt das Lied der unermüdlichen grauen Grasmücken. Durch die 
Hecken des Zaunes schlüpt knicksend der Zaunkönig. Im Laube klettert der 
Laubfrosch und springt nach Fliegen und Mücken. Uber den Zaun erhebt sich 
baumartig ein weißblühender Holunderstrauch, an dem Hopfen emporrankt. 
Aus einem hohen Syringenstrauche mit duftigen blauen Blütensträußen er- 
tönt das schmelzende Lied der Nachtigall. Eine Katze schleicht geduckt am 
Zaune hin, um die Sängerin in kühnem Sprunge zu haschen, oder um Vogel- 
nester aufzuspüren. Sie ist die schlimmste Feindin der Vogelbrut, wie die 
Singvögel die treuesten Wächter des Gartens gegen ungezieser sind. 
Im bunten Grasteppich des Gartens blühen blaue Veilchen, gelbe 
Schlüsselblumen, weiße Gänseblumen, blauer Ehrenpreis und am 
Zaune weiße und rote Taubnesseln. 
13. Das wohlriechende oder blaue Veilchen. 
1. Das Veilchen ist ein Bild der Bescheidenheit und der Liebling von alt 
und jung. Seine Beinamen hat es von dem angenehmen Dufte und der dunkel- 
violetten Farbe. — 2. In die Erde schiebt es einen Wurzelstock, der kriechende 
Ausläufer längs der Erde aussendet. Der Wurzelstock ist ein unterirdischer 
Stengel, der in kleinen Abständen nach unten Faserbüschel und nach oben be- 
schuppte Sprossen treibt. Die Blätter kommen hinter den Schuppen hervor, 
stehen auf langen, rinnenförmigen Stielen und sind fein behaart, die ersten 
herz-, die spätern nierenförmig. Die Blattrinnen leiten wie bei vielen Pflanzen 
Tau und Regen den Saugwurzeln zu. Der Rand der Blätter ist gekerbt, d. h. 
rund aus= und spitz eingeschnitten. Der fünfblättrige Kelch umfaßt oben die 
5 blauen Kronenblätter und die 5 kurzen Staubblätter, die sich an den Stempel 
schmiegen, und unten mit einem Fortsatze den Blütenstiel. Ein Blumenblatt 
läuft in einen Sporn aus. Die braunen Samenkörner reifen aus späteren un- 
scheinbaren Blütchen in einer Kapsel, die in 3 Klappen aufspringt. Doch hat 
das Veilchen diese Samen nicht sehr nötig, da es sich hauptsächlich durch die Aus- 
läufer fortpflanzt. Sie schlagen Wurzel und werden zu Tochterpflänzchen, die 
mit der Mutter noch einige Zeit lose verbunden bleiben. — 3. Das Veilchen 
wächst gesellig unter Hecken und Büschen im Grase. — 4. Arme Kinder bieten 
im Lenz Veilchensträuße feil. Dichter besingen seine Lieblichkeit und Bescheiden- 
heit, und gute Kinder ahmen sie nach. Die Bienen umsummen das Veilchen 
nach Honig. Aus den Blüten wird Veilchensyrup für kranke Kinder, aus den 
Wurzeln ein Brechmittel bereitet. — 5. Von der großen Veilchenfamilie kommt 
auf dem Felde das dreifarbige Stiefmütterchen und auf Rasen das geruchlose 
Hundsveilchen mit weißem Sporn häufig vor. 
14. Die arzneiliche Schlüsselblume. 
1. Das „Himmelsschlüsselchen“ schließt gleichsam den Frühlingshimmel 
auf. — 2. Der ausdauernde Wurzelstock treibt nach unten lange, weiße Fasern, 
nach oben eine Blattrosette. Die Blätter sind runzelig, fast eirund und in den 
Stiel verschmälert, am Rande wellig gekerbt und unten behaart. Der spann- 
hohe, runde Blütenschaft trägt eine Dolde von 5—10 hängenden, goldgelben 
Blüten, deren fast gleich lange Stiele auf einem Punkte entspringen und am 
Grunde mit Hüllblättchen umgeben sind. Der Kelch besteht aus 5 verwachsenen 
Blättchen mit 5 Zähnen und umschließt die Blütenröhre, die in eine flache, fünf- 
spaltige Glocke endet. Im Schlunde hat dieselbe 5 safrangelbe Flecken. Die 
5 Staubgefäße sind ungestielt; der Stempel ist fadenförmig mit kugelrunder