422 Umsturz und Wiederaufbau (1786—1840).
wegen seiner finanziellen Erschöpfung und wegen der Gefahr seiner Lage in
Polen. Dieser Ausgang entsprach der Schwäche, Zerfahrenheit und Erfolglosig-
keit der ganzen vorangegangenen Politik und Kriegführung. Eben darum ist
auch ein haltbares, auf gegenseitigem Respekt beruhendes Verhältnis zu Frank-
reich durch diesen Frieden nicht begründet worden.
Inzwischen hatten sich Rußland und Österreich über eine endgültige Auf-
teilung Polens verständigt, diesmal ohne Zuziehung Preußens. Das war ge-
schehen in dem Vertrage vom 3. Januar 1795. Franz II. erkannte darin die
zweite Teilung von 1793 an und erwarb für Österreich ein Gebiet, dessen
Hauptbestandteil Krakan war. Für Preußen wurde ein kleinerer Anteil be-
stimmt, wenn es dem Vertrage beitreten wollte. Würde Preußen aber Oster-
reich oder Rußland angreifen, so wollten die beiden Mächte einander mit ihrer
gesamten Kriegsmacht beistehen. Man erwartete damals eigentlich in Öster-
reich einen Angriff Preußens und bereitete sich darauf vor. Aber Preußen war
viel zu erschöpft und blieb ruhig. Am 15. August teilte Friedrich Wilhelm II.
der Zarin mit, er sei bereit, dem kurz vorher in Berlin vorgelegten Vertrage vom
3. Jannar beizutreten, vorausgesetzt, daß sein Anteil noch vergrößert und
günstiger abgegrenzt würde. Trotz der feindseligen Stimmung zwischen Preußen
und Osterreich gelang es der Zarin, eine Vereinbarung zu vermitteln, durch die
der preußische Anteil auf Kosten des österreichischen vergrößert wurde. Am
24. Oktober 1795 schloß Rußland mit Preußen und Osterreich gleichlautende
Verträge ab, durch welche nun die Aufteilung von Polen geregelt wurde. Oster-
reich erhielt den Teil, den es „Westgalizien“ nannte; Preußen nannte seinen
Anteil „Neuostpreußen“. Es war meist litauisches Gebict, von sehr rück-
ständiger Kultur, etwa 900 Quadratmeilen mit einer Million Einwohner.
Ende Dezember 1795 ergriff Preußen Besitz von dem Lande, das mit Ost= und
Westpreußen zu einem Departement des Generaldirektoriums zusammengefügt
wurde. Die preußische Verwaltung vermochte aber das Land nicht mit deutscher
Kultur zu durchdringen; auch die Arbeit von Generationen hätte das wohl kaum
vermocht; der polnische Besitz war ein totes Gewicht an der preußischen Staats-
maschine. Preußen wurde dadurch vorübergehend zu einem halb fslawischen
Mischreich, während es früher ein ganz deutscher Staat gewesen war.
Während des fortdauernden Reichskrieges hat Preußen noch einen be-
merkenswerten Versuch gemacht, sich in seinen fränkischen Besitzungen zu arron-
dieren. Hardenberg, der an der Spitze der abgesonderten Verwaltung dieser
Lande stand, suchte dort mit den Resten der feudalen Vergangenheit aufzu-
räumen und vor allem ein kompaktes und abgerundetes Herrschaftsgebiet herzu-
stellen. Dabei bildete die Selbständigkeit der Reichsstadt Nürnberg, die mitten
zwischen den beiden Gebietshälften lag, ein widerwärtiges Hindernis. Die Stadt
war in Verfall und reif zur Mediatisierung. Man glaubte, sie durch einen Hand-
streich bewältigen zu können. Am 4. Juli 1796 besetzten preußische Truppen
die Vorstädte, und im September unterwarf sich Nüruberg der preußischen
Herrschaft. Aber in seiner damaligen Schwäche hat Preußen diese Erwerbung
nicht festzuhalten vermocht. Eben damals war Erzherzog Karl von OÖsterreich
durch mehrere siegreiche Gefechte gegen die Franzosen militärisch Meister in
diesen Gebieten geworden, und es war natürlich nicht zu erwarten, daß Oster-
reich diesen Ubergriff Preußens zulassen würde. Daher ließ Preußen seinen