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wißheit haben wollen und da ich einen Offizier von seltenem
Scharfblick für diese Dinge zur Hand gehabt hatte, so habe
ich ihn nach Paris mit dem Auftrage geschickt, sich um jeden
Preis ũber die wirkliche Lage der Dinge zu vergewissern.
Acht Tage später war ich im Besitze der Versicherung, daß
das französische Heer nicht nur nicht in der Lage sei, los-
zuschlagen, sondern daß wenigstens vier Monate erforderlich
seien, um eine einigermaßen respektable Kriegsmacht aufzu-
stellen: mit anderen Worten, daß Frankreich erst lange nach
der Erledigung unseres Duells mit Oesterreich und erst dann
bereit sein würde, wenn die siegreichen und besiegten deutschen
[Mächte in der Lage sein könnten, wenn nötig sich gegen
Frankreich zu verbinden. Nun hatte ich keine Befürchtungen
mehr in dieser Beziehung und ich veranlaßte den König zum
Beginn des Kampfes. «
Was Ihr Dazwischentreten nach Sadowa anbetrifft, so
habe ich nicht begriffen, welchem Gedankengange Sie bei
dieser Verhandlung gefolgt sind. Ich stelle mich an Ihre
Stelle und frage mich, was zu tun war; sicherlich nichts von
dem, was Sie getan haben. .“
Persigny hatte sich bis dahin darauf beschränkt, diese
für ihn schmerzlichen Darlegungen mitanzuhören; darauf teilte
er Bismarck einen Vorschlag mit, den er im Ministerrat kurz
vor Sadowa hinsichtlich der Rheinprovinzen gemacht hatte
und der dahin ging: Anerkennung des Nationalitätsprinzips
seitens Frankreichs und absolute Achtung des deutschen Ge-
biets, aber Abänderungen der Verträge von 1815, welche
Preußen auf dem linken Rheinufer verschiedene seiner Ge-
schichte, seinen Sitten, seiner Religion fremd gegenüber stehende
Provinzen überlieferten und damit nichts weiter als eine Be-
drohung Frankreichs an seiner offenen Grenze beabsichtigten;
Vergrößerung Preußens durch Ueberlassung des ganzen nörd-
lichen Deutschland von der Ostsee bis zur Mainlinie, aber unter
der Bedingung der Entschädigung der auf dem rechten Rhein-
v. Poschinger, „Also sprach BViemarck“, Band I. 10