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St. Petersburg, Frühjahr 1862.
Unterredung mit dem Pastor Hermann
Dalton über Bismarcks Berufung als Mit-
nisterpräsident. “)
Im Februar und März 1862 war in den Zeitungen
das Gerücht von der Berufung Bismarcks als Ministerpräsi-
dent nach Berlin aufgetaucht. Bei einer Unterhaltung mit
Frau von Bismarck hatte der Pastor Dalton, ein alter Freund
der Bismarckschen Familie scherzend erwähnt, daß er wohl
nächstens an sie als Frau Ministerpräsident zu schreiben hätte.
Frau von Bismarck wies das Gerücht als Zeitung sklatsch
ab. In dem Augenblick trat Bismarck aus dem Arbeits-
zimmer; die Frau hatte nichts eiligeres zu tun, als „ihrem
Otto“ von Daltons Bemerkung Mitteilung zu machen. Der
letztere war nun auch auf eine derbe Abweisung gefaßt.
Statt dessen bestätigte Bismarck das Gerücht. „Bereits zwei-
mal hat sich der König wegen der Uebernahme des Postens
an mich gewandt, aber beidemale habe ich abgelehnt.
Es ist mir auch nicht leicht gefallen, das können Sie glauben.
Ich bin Familienvater und habe als solcher Pflichten. Sie
wissen, daß ich kein Vermögen besitze; meine drei Kinder
wachsen heran, und ich muß mich ihnen zu erhalten suchen.
Dessen bin ich aber gewiß, daß ich auf dem Posten in Berlin
Bismarck's mit dem Fürsten Gortschakow, betr. die Entfernung
des deutschen Elements aus der russischen Regierung. Diese Unter-
redung ist fingiert; richtig sind nur die Bismarck in den Mund
gelegten Worte: „Wie sollte ein Deutscher (scil. in Rußland)
nicht General werden? Er trinkt nicht, er stiehlt nicht, er ist
nicht liederlich, er reitet sein Pferd selbst — da muß er es
schon zum General bringen.“ — Diese Aeußerung stammt aber
anderswoher.
*) Bismarck Erinnerungen von Hermann Dalton „Daheim“
1899, S. 422. — Vergleiche die „Hamb. Nachr.“ Nr. 83 vom
10. April 1899.