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nach Jahresfrist nicht mehr am Leben wäre. Sie lächeln,
Herr Pastor, aber Sie kennen meine Natur so wenig, wie den
bevorstehenden Kampf auf diesem Posten mit dem Freisinn.
Im grimmigen Zorn mit solchen undeutschen, kurzsichtigen
Gegnern würde mir die Galle ins Blut schießen und ich wäre
gar bald ein toter Mann.“
Dalton: „Ueber Leben und Tod entscheidet denn doch
ein anderer als politische Gegner, und wären es die jämmer-
lichsten, zornaufregendsten. Gott kann Ihrem Leben hier auf
dem stillen Posten in wenigen Wochen ein Ende setzen; er kann
Sie aus dem bevorstehenden Kampfe als Sieger hervorgehen
lassen und Sie unserem Volke für zwanzig und dreißig Jahre
zu einem Segen setzen.“
Bismarck: „Herr Pastor; ich danke Ihnen für das offene
Wort. So will ich Ihnen auch bekennen, daß ich seit ein paar
Tagen zu dem Entschlusse gelangt bin, dem Rufe Folge zu
leisten, wenn der König ein drittes Mal mit der Aufforderung
kommt.“ Der Ruf kam nach kurzer Zeit.
Berlin, Frühjahr 1862.
Unterredung mit dem Unterstaatssekretär
von Gruner über die Politik Preußens ge-
genüber Kurhessen.)
Als im Frühjahr 1862 der Kurfürst von Hessen ein neues
Wahlgesetz oktroyierte und dabei die Bestimmung traf, daß
niemand zum Wählen zugelassen würde, der nicht vorher aus-
drücklich zu Protokoll die neue Verfassung als allein rechts-
gültig anerkannt habe, befahl der Regent von Preußen die
beiden Armeekorps von Sachsen und Westphalen marschbereit
zu machen, und sie an den Grenzen von Kurhessen zu konzen-
*) Eruner, Rückblick auf mein Leben, „Deutsche Revue“,
August-Heft 1901.