Full text: Fünfzig Jahre aus Preußens und Deutschlands Geschichte.

78 Blick auf den Bürgerkrieg in sterreich und Ungarn, 1848 bis 1850. 
Volkes. Gleich liebenswürdig heiter wie entgegenkommend zeigte sich hier die 
vornehmere Gesellschaft, der Abschließung und stolze Herablassung unbequem 
dünkte. Kein Wunder, wenn noch jedermann sang und glaubte: 
's gibt nur a' Kaiserstadt,'s gibt nur a' Wien! 
und wenn daselbst die Unzufriedenen und Leichtbefriedigten aus Osten und 
Süden sich zusammenfanden. Mit ungeschminkter Treuherzigkeit und angeborener 
Unbefangenheit erging man sich trotz „Spitzeln“ (Geheimpolizisten) und unifor- 
mierten Aufsichtspersonen in Betrachtungen über die trostlose Dürre, welche das 
politische Leben jener Zeit kennzeichnete, freute sich jeglicher Witzelei, jedes derben 
Angriffs, gegen die unvolkstümliche Regierung. 
Die allgemeine Lage Europas erschien gegen Ende des fünften Jahrzehnts 
in hohem Grade unklar und gespannt. Dem Blicke des aufmerksamen Beob- 
achters entging nicht, daß hinter dem Morgenrot der anbrechenden neuen Ara 
schwere und drohende Gewitterwolken sich zusammentürmten. Wie draußen 
„im Reich“, so überließ man sich jedoch in der Hauptstadt Osterreichs heiteren 
Lebensgenüssen, schwarz-rot-goldenen Hoffnungen von bald herannahender 
deutscher Reichsherrlichkeit. 
Wie anderwärts standen auch in Wien zahlreiche unreife Elemente im 
Vordergrunde der freiheitlichen Bewegung, welche besonders seit dem Ende des 
Jahres 1847 sich mehr und mehr bemerkbar machte. Junge Leute ohne Welt- 
erfahrung, ja ohne die nötigsten Kenntnisse, deutsche Studenten und Litteraten, 
unter denen sich die jüdischen nicht zum wenigsten hervorthaten, junge Beamte 
aus Böhmen, heißblütige Juraten aus Ungarn, Kaufleute italienischer Herkunft 
— Fremde und Einheimische — zimmerten flott und unbekümmert in den viel- 
besuchten Kaffeehäusern der Großstadt den modernen konstitutionellen Staat 
zusammen, just wie er ihnen zeitgemäß erschien, aber sicher nicht aufzubauen ge- 
wesen wäre, wenn auch ein neuer Kaiser Joseph II. auf dem Throne gesessen 
hätte. Zur Zukunftspolitikmacherei nach dem Zuschnitt der Wiener Gemütlich- 
keit hielt sich ein jeder berechtigt, als Pius IX. sogar die Italiener zum Über- 
gang in verfassungsmäßige Bahnen für reif genug hielt. Daß dort wie hier für eine 
solche Staatsform einstweilen noch die notwendigste Vorbedingung fehlte: der 
Staatsbürger selbst, längere Zeit geschult durch ernste und selbstbewußte Aus- 
übung der bürgerlichen Pflichten — das wollte man nicht einsehen, weil es zur 
Überschwenglichkeit jener Zeit eben nicht paßte. Kein Wunder, wenn, als die 
Sturmglocke zu der anbrechenden neuen Ara erdröhnte, in dem vielgestaltigen, 
altersschwach gewordenen österreichischen Staatswesen alle Versuche fehlschlugen, 
es zu verjüngen, nach belgischen oder norwegischen Verfassungsmustern den Staat 
neu= und umzugestalten. 
Die Februarrevolution von 1848. In dieses unruhige, dabei höchst ge- 
mütliche unterhaltende Treiben und Hinleben von einem Tage zum andern 
fiel wie eine Bombe die Kunde von der französischen Februarrevolution im kaum 
begonnenen Jahre des Heils 1848. Das Volk von Paris hatte gesiegt und 
berauschte sich in republikanischen Hochgefühlen, die ihm sehr teuer zu stehen 
kommen sollten. Anfangs befürchtete man, unsre unruhigen Nachbarn jenseit 
des Rheins möchte das Gelüste befallen, uns in Masse einen Besuch abzustatten,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.