Full text: Fünfzig Jahre aus Preußens und Deutschlands Geschichte.

86 Das Rumpfparlament und der Ausgang des deutschen Verfassungswerkes. 
königsbund vereinbarte Verfassung angenommen und bald darauf durch den 
im Mai in Berlin zusammengetretenen „Fürstenkongreß“ ein provisorisches 
Fürstenkollegium mit der Zentralgewalt des neuen Bundes betraut worden. 
Aber Osterreich, in Ungarn und Italien Sieger, trat jetzt den Bestrebungen 
Preußens zur Erringung der Oberherrschaft in Deutschland noch entschiedener 
entgegen. Die Regierungen der Mittelstaaten ließen aus Besorgnis, von Preußen 
in ihren Hoheitsrechten und Sonderinteressen beschränkt zu werden, den alten 
Helfer in der Not im Stich und gruppierten sich um Osterreich, sobald dieses 
wieder freie Hand gewonnen hatte. In kürzester Frist tagten in Frankfurt die 
Gesandten von 13 Regierungen als „außerordentliche Plenarversammlung“ des 
neuen deutschen Bundestages, und Osterreich lud nunmehr als ehemalige „Prä- 
sidialmacht" am 14. August 1850 alle früheren Mitglieder des Deutschen Bundes 
ein, den nicht ausdrücklich aufgelösten, daher „rechtlich noch fortbestehenden“ 
Bundestag von neuem zu beschicken. Preußen jedoch sträubte sich, in die Wieder- 
herstellung des alten Bundestages, der nichts als die Vorherrschaft Osterreichs 
bedeute, zu willigen. So standen sich Nord= und Süddeutschland feindlich gegen- 
über. Die Unzufriedenheit im Kurfürstentum Hessen, welche zu Unruhen führte, 
erweiterte den Bruch. 
Ver hessische Konstikt. Der Kurfürst von Hessen, in seinem Lande kaum 
weniger gehaßt als sein geradezu verachteter Minister Hassenpflug, ging, dem 
Rate Osterreichs folgend, die Bundesversammlung in Frankfurt um Hilfe gegen 
sein Volk an, und diese ward ihm in der That zugesagt. Dagegen protestierte 
Preußen, welches den Frankfurter Bundestag noch nicht anerkannt hatte, sondern 
an den Erfurter Beschlüssen festhielt. Ganz Deutschland waffnete, Osterreicher 
und Bayern rückten von Süden, Preußen von Norden in Hessen ein und besetzten 
Kassel am 2. November 1850. Die Stunde der Entscheidung, ob von Osterreich, 
ob von Preußen Deutschlands Zukunft abhängig sein sollte, schien gekommen. 
Schon kam es am 8. November bei Bronzell zwischen preußischen und 
bayrischen Truppen zu einem kleinen Vorpostengefecht, dem man später die 
Deutung eines militärischen Mißverständnisses zu geben suchte. Aber noch in 
der letzten Stunde trug die Friedenspartei in Berlin den Sieg davon. Minister 
von Radowitz, Bismarcks schwächerer Vorläufer, trat an den Freiherrn von 
Manteuffel die Leitung der auswärtigen Politik ab, und General von der 
Gröben ethielt Befehl, sich auf Kassel zurückzuziehen. Die Soldaten, des Hin- 
und Hermarschierens und der schlechten Verpflegung in Kurhessen herzlich satt, 
sangen Spottlieder auf die Aufstellung der großen Heere, die marschierten und 
deren Gewehre geladen würden, ohne daß abgeschossen und eine Entscheidung 
herbeigeführt würde. Der in der „Schlacht bei Bronzell“ verwundete Stiefel- 
absatz des Gefreiten Mutzel und ein blessierter Schimmel bildeten lange Zeit 
Gegenstände des Volkswitzes. Damals sang man im Volke spottweise: 
Der arme Schimmel mußte sterben, 
Daß sich die Preußen Ruhm erwerben! 
Die erbitterten Hessen aber summten manch Schmählied gegen den ver- 
haßten Minister, und mit einem bösen Wortspiel wurde Hassenpflug als „der 
Hessen Fluch“ bezeichnet.
	        
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