94 IV. Die Kriegführung der Zweiten Obersten Heeresleitung.
Kräften — das war möglich — einen sehr erheblichen örtlichen und
bedeutenden politischen Erfolg haben. Er konnte zu einem großen
taktischen Sieg führen, wenn man sich dieses große Ziel gesteckt und
planmäßig verfolgt hätte. Wir wissen es jetzt aus den Veröffentlichungen
des Feindes. Die Ermattungsstrategie glaubte ihre Bestimmung
erfüllt zu haben, wenn es ihr gelänge, dem Feinde unablässig
Verluste beizubringen, die auf die Dauer teurer waren als
die eigenen, eine Absicht, die doch wohl von jeder guten Strategie,
nicht bloß von der Ermattungsstrategie verfolgt werden wird“))
ob das vor Verdun mit Glück geschah, steht noch nicht einwandfrei
fest. Nach allen Kriegserfahrungen läßt sich jedenfalls sagen,
daß auch bei Verdun das Verhältnis unserer Verluste zu denen des
Feindes im Falle des großen taktischen Sieges günstiger gewesen
wäre, als es tatsächlich der Fall war. Diese Verluste konnten eine
erhebliche Besserung unserer Gesamtlage im Westen bringen; so
werteten sie sich nicht aus.
Verdun galt eine Zeitlang als vorbildliches Muster der Ermattungsstrategie,
der Strategie „kühler Berechnung und weiser
Mäßigung“, die Frankreichs Kräfte zum „Verbluten“ bringen sollte.
Jetzt wird Verdun als eine „Überspannung" der Ermattungsstrategie
angesehen. Das ist ein erfreulicher Schritt zur Einsicht.
Den Truppen, die vor Verdun gekämpft haben, steht auch das Recht
zu, gehört zu werden. Für sie war Verdun die Hölle. Verdun lag
wie ein Alp auf den beteiligten Stäben und der Truppe. Unsere
Verluste waren für uns zu schwer. Es kam der seelische Druck
hinzu, der durch Verdun das gesamte Westheer belastete. Wir
durften eine solche „Zermürbungsschlacht“ freiwillig nicht schlagen.
Es fehlten Menschenkräfte, Gerät und Munition dazu. Wir mußten
die Angriffe abbrechen, als wir sahen, daß Großes nicht mehr zu
erreichen war.
Daß durch den Kräfteverbrauch des Feindes bei Verdun sein
Angriff an der Somme, der am 1. Juli losbrach, in schmalerer Front
*) Das deutsche Heer hat dank seiner Führung und Ausbildung im Weltkriege
an Toten etwa die Hälfte weniger verloren als der Feind, gegen den es
kämpfte.