Full text : Fürst Bismarck und der Bundesrat. Zweiter Band. Der Bundesrat des Zollvereins (1868-1870) und der Bundesrat des Deutschen Reichs (1871-1873). (2)

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durchgreifenden  Reform  des  geltenden  Strafrechtes,  Strafprozesses  und  Zivilprozesses
  nach  Maßgabe  der  in  der  Verfassung  niedergelegten  Grundsätze.
Nicht  minder  eifrig  und  in  demselben  Geiste  ward  früher  und  später  auf
anderen  Gebieten  der  Justizgesetzgebung  gearbeitet  und  gefördert,  wie  die  umfassenden
  Bände  der  Gesetzsammlung  der  beiden  letzten  Jahrzehnte  im  einzelnen
bezeugen.

Als  Minister  des  Auswärtigen  war  Herr  v.  Rössing  zugleich  in  politischen
Angelegenheiten  der  erste  Berater  seines  Souveräns,  und  ein  Rückblick  auf  die
Begebenheiten  mag  genügen,  um  den  Beweis  zu  liefern,  daß  auch  diese  Seite  seiner
Wirksamkeit  wohl  weder  eine  leichte  noch  eine  stoffarme  war.  Schon  der  König
Friedrich  VII.  von  Dänemark  (gest.  15.  November  1863),  von  welchem  die  großen
Umwälzungen  der  letzten  Jahre  ihren  Ausgang  genommen  haben,  verwickelte  unmittelbar
  das  oldenburgische  Fürstenhaus  in  die  Vorgänge  der  schleswig-holsteinschen
Erbfolgeverhältnisse  und  in  daraus  sich  ergebende  politische  Kombinationen.  Den
durch  mehrere  Jahre  sich  hinziehenden  schwierigen  und  komplizirten  Verhandlungen
  jener  Zeit,  sowie  der  durch  die  Arrondirung  des  Fürstentums  Lübeck
auch  für  die  Landesinteressen  nutzbringenden  Abwickelung  dieser  Angelegenheit
hat  wohl  niemand  so  nahe  gestanden  wie  Herr  v.  Rössing.  An  die  schleswigholsteinsche
  Krisis  schloß  sich  dann  unmittelbar  die  sorgenvolle  Zeit  vor  dem
Ausbruch  des  Krieges  zwischen  Preußen  und  Oesterreich,  und  nach  dem  auch  in
Oldenburg  mit  Jubel  begrüßten  Tage  von  Königgrätz  brachte  der  Friedensschluß
  und  die  mit  ihm  gegebene  Neugestaltung  der  deutschen  Verfassung  neue
und  ernste  Arbeit.  Den  Ministerkonferenzen  in  Berlin,  in  welchen  im  Winter
1866/67  der  Entwurf  der  Norddeutschen  Bundesverfassung  festgestellt  wurde,
wohnte  Herr  v.  Rössing  in  vielseitiger  Beteiligung  an  den  Arbeiten  derselben
von  Anfang  bis  zu  Ende  bei,  und  die  freundlichen  Beziehungen,  welche  er  nicht
allein  mit  den  preußischen  Staatsmännern,  sondern  auch  mit  einflußreichen
Kollegen  aus  anderen  Staaten,  namentlich  mit  dem  ihm  im  Tode  vorangegangenen
  hochbegabten  weimarischen  Minister  v.  Watzdorf,  zu  knüpfen  und
zu  pflegen  verstand,  sind  für  wichtige  oldenburgische  Landesinteressen  nicht  ohne
mannigfache  Förderung  geblieben.  Auch  an  den  Verhandlungen  des  Bundesrats
  nahm  Herr  v.  Rössing  namentlich  während  der  Zeit  vor  dem  Kriege
mit  Frankreich  und  auch  noch  unmittelbar  nach  demselben  regelmäßigen  und
thätigen  Anteil.

Der  denkwürdigen  hundertjährigen  Jubelfeier  der  Regierungsübernahme
des  gegenwärtigen  großherzoglichen  Hauses  am  14.  Dezember  1873  wohnte
Herr  v.  Rössing  noch  in  voller  Gesundheit  bei.  Auf  einer  Reise  nach  Berlin,
welche  er  im  Februar  1874  unternahm,  um  an  den  Beratungen  des  Bundesrats
  über  das  auch  für  die  oldenburgischen  Verhältnisse  einschneidend  wichtige
Projekt  der  Reichs-Justizverfassung  teilzunehmen,  kam  die  tödliche  Krankheit,
welcher  er  erlag,  zum  Ausbruch.

Poschinger,  Fürst  Bismarck  und  der  Bundesrat.  II.  4