Freiherr von Dungern: Rumänien
Rumänien
von Professor Dr. Otto Frelherrn von Dungern in Graz
Das Königreich Rumänien umfaßte bei Beginn des
Weltkrieges 138962 qgkm, wovon 7609 akm in der
Dobrudscha erst 1913 erworben waren. Das Land
zerfiel dis 1859 in zwei getrennte Fürstentumer: Walachei
und Moldau. Die Dobrudscha, zwischen rechtem
Donauufer und Schwarzem Meer, hat im Mittelalter
vorübergehend zur Walachei gehört, später zur
Türkei. Die Moldau hat den größeren Teil ihres
ehemaligen Gebietes in der Zeit von 1774 bis 1877
an Österreich und Rußland abtreten müssen (Bukowina
bzw. Beßarabien).
Im Königreich Rumänien wurden am 1. Januar
1913 rund 7235000 Einw. gezählt. Dazu kamen etwa
300 000 in der neuen Dobrudscha. Von diesen Einwohnern
waren etwa 250000 Juden, meist in der Moldau.
etwa 80—100000 österreich.-ungarische Staatsangehörige,
24000 Türken, 32000 Bulgaren, Griechen,
Albaner, Serben. Die zahlreichen Zigeuner sind in
Rumänien stärker assimiliert als in anderen Ländern.
Nur die Hauptstadt Bukarest hat mehr als 100000
Einwohner. über 81 Proz. der Bevölkerung leben
auf dem Lande. 68 Proz, der Bodenfläche dienen dem
Landbau, meist Weizen und Mais. Die Ausfuhr setzte
sich zu mehr als 80 Proz. aus Ackerfrüchten zusammen.
Ihr Wert betrug 1913: 532,2 Millionen Mark
und überstieg seit vielen Jahren den Wert der Einfuhr,
von der mehr als drei Fünftel 1913 aus Deutschland
und ÖOsterreich-Ungarn kamen. Die Getreideausfuhr
ging zum größten Teil nach Belgien, aber
für den deutschen Markt.— Die Petroleumindustrie in
Rumänien ist jung; sie zeichnete sich dadurch aus, daß
Produktion und Handel nicht kartelliert waren. Deutsches
Kapital war, wie auch sonst im Lande, stark beteiligt.
Die Stqatsschuld befand sich vor dem Weltkriege
weit überwiegend in deutschen Händen. Sie betrug
rechnungsmäßig am I. April 1916:2,1 Milliarden
Frank, wovon über 400 Millionen getilgt waren.
Das Bolk. Bei den Rumänen lassen sah stawische,
tatarische, aber auch romanische Züge feststellen.
Sicherlich sind sie ein Mischvolk; aber es hat sich bei
ihnen eine so starke nationale Eigenart ausgebildet, daß
sie sich von allen anderen Balkanbewohnern deutlich
unterscheiden. Im Mittelalter wurden die Rumänen
als Wlachen bezeichnet, wie sie heute noch auf dem
südlichen Balkan heißen. Sie tauchen urkundlich in
Mazedonien schon im 11. Jahrhundert auf, nördlich
der Donau erst im 13. Jahrhundert. Deshalb läßt
sich die Frage, ob die mazedonischen Rumänen im
Mittelalter nach dem heutigen Königreich und nach
Ungarn eingewandert sind oder ob sich umgekehrt eine
alte rumänische Bevölkerung während der Völkerwanderung
in die unzugänglichen Karpathen gerettet
und von dort später über den Balkan ausgebreitet
hat, historisch nicht lösen. Keinerlei Volkstraditionen
ergänzen die geschichtliche Lücke. Die Lehre vom römischen
Ursprung der Rumänen ist jedenfalls erst im
17. Jahrhundert in Rom aufgekommen und hat sich
durch Zöglinge der päpstlichen Schulen für siebenbürgisch-rumänische
Geistliche zuerst in Siebenbürgen
und dann von dort aus nach dem heutigen Rumänien
verbreitet. Diese Theorie fußt einerseits auf der
Sprache der Rumänen, die, troß zahlreicher slawischer
und anderer Lehnworte und Wendungen, nach
Wortschatz, Formenlehre und Satzbau romanisch ist,
anderseits auf der historischen Tatsache, daß im 2.
Der Krieg 1914/17. U.
81
Jahrhundert n. Chr. die Sitze der heutigen Rumänen
durch Rom erobert und besiedelt worden sind. Aber
die historische Kontinuität zwischen dieser Besiedlung
und dem Auftreten der Rumänen in denselben Gegenden
1000 Jahre später ist nicht nachweisbar.
Die Verbreitung der Rumänen beschränkt sich
nicht auf das heutige Königreich. In den bulgarischen
Städten und Dörfern am südlichen Donauufer sind
sie immer noch zahlreich. Im Nordostwinkel des ehemaligen
Königreichs Serbien, um Negotin, bilden sie
den Hauptbestandteil der Bevölkerung. In Mazedonien
und hinüber bis nach Thessalien und Albanien
(Epirus, Valona) wurden sie vor den Bulkankriegen
auf eine halbe Million geschätzt. In Dalmatien, wo
sie sich noch Ende des Mittelalters in den Küstenstädten
deutlich nachweisen lassen, sind sie in der slawischen
Bevöl'erung aufgegangen. Eine kleine rumänische
Bevölkerungsgruppe, die sich in Istrien erhalten hat,
verfällt heute zusehends dem gleichen Schicksal. Auch
die rumänische Bevölkerung Geharabiens ist im Rückang.
Die Schätzungen für die Zahl der dortigen
Krumänen schwanken; sie betrug nach der einzigen
russischen Nationalitätenzählung (1897) 920 900. In
der einstmals rein rumänischen Bukowina, die 1774
von Osterreich besetzt wurde, bilden sie heute neben
Ruthenen, Juden, Polen und Deutschen etwas mehr
als ein Drittel der Einwohnerschaft. Erheblich ninunt
das Rumänentum in Ungarn zu. In dem Ende
des 17. Jahrhunderts gänzlich entvölkerten Banat
haben sie sich schnell ausgedehnt. Auch in Siebenbürgen
drängen sie mit ihrem Kinderreichtum die
kinderarmen Deutschen zurück. Dagegen scheinen sie
in der Marmarosch seit der jüdischen Einwanderung
stark gefährdet. Alles in allem mag es heute 11.—12
Millionen Rumänen geben. Sie sind also zahlreicher
als die Magyaren. Auf Ungarn entfallen, je nachdem
man ungarische oder andere Zählungen zugrunde
legt, 3—4 Millionen, nach der ungarischen Zählung
von 1910: 2909030.
Die Bolkswirtschaft. Die Entwicklung der rumänischen
Volkswirtschaft ist gebunden an den natürlichen
Bodenertrag, an die geographische Lage des
Landes und an die Produkinssorm, die bisher abpängig
geblieben ist von der geschichtlichen Verfasungsgrundlage,
der Herrschaft einer kleinen Schicht
von Eroßgeundbesitern über ein wirtschaftlich abhängiges,
kulturell zurückgebliebenes Bauerntum.
Landwirtschaft und Biehzucht. Der rumenische
Boden ist in den weiten Ebenen der Walachei wie der
Moldau ungemein reich. In der türkischen Zeit bildeten
die Fürstentümer die Kornkammer der Türkei.
Dabei waren damals noch viel größere Teile der
Ebenen als heute Weiden, auf denen außer Kleinvieh
Rinder, Büffel und Pferde gezogen wurden. Um die
Mitte des vorigen Jahrhunderts suchten die englischen
Importeure das rumänische Getreide für den englischen
Bedarf heranzuziehen. Die Wiederinstandsetzung
des Schiffahrtsweges im Donaudelta, die
1856 auf dem Pariser Kongreß beschlossen und seitdem
durch die internationale Galatzer Donaukommission
glänzend durchgeführt wurde, geschah wesentlich im
anteresse Englands. In neuerer Zeit ist der rumänische
Weizen, der auch wegen seiner hervorragenden
Qualität geschätzt wird, hauptsächlich auf demselben
Wege für den deutschen Bedarf nach Antwerpen verschifft
worden. Da seit dem Jahre 1882 die Ausfuhr
des rumänischen Viehes durch Zoll- und Sperrmaßnahmen
an der ungarischen und österreichischen
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