Full text: Leopold von Ranke's sämmtliche Werke. 27. und 28. Band. Zwölf Bücher Preußischer Geschichte. Fünftes bis neuntes Buch. (27)

146 Sechstes Buch. Erstes Capitel. 
fanden Ansichten dieser Art ein gelehrigeres Ohr, als bei dem Kron- 
prinzen von Preußen. Wie oft hat er den Ministern seines Vaters 
vorgeworfen, daß sie mit der Feder den europäischen Mächten etwas 
abzugewinnen meinten, was doch nur mit dem Schwerte möglich sei 7. 
Er war überzeugt, daß er in Europa nur so viel Geltung haben 
werde, als das Heer, das er ins Feld stellen könne, ihm verschaffe. 
Wie man aber in Wissenschaften und Künsten bemerkt hat, daß 
große Fortschritte sich nicht machen lassen, ohne Freude am Einzelnen und 
Kleinen, so war bei ihm der politisch-militärische Ehrgeiz mit einer un- 
glaublichen Vorliebe für den kleinen Dienst verbunden. In der alten 
preußischen Armee war es eine angenommene Ueberlieferung, Friedrich 
Wilhelm habe als Prinz sich auf seine eigene Hand und seine eigenen 
Kosten, ohne daß sein Vater darum gewußt oder darum wissen wollen, 
ein Bataillon in Mittenwalde eingerichtet, zusammengesetzt aus ge- 
schickten Offizieren und ansehnlichen Leuten, die ihm der alte Fürst 
von Anhalt einzeln warb und zuschickte, und hier habe er es sein 
Vergnügen sein lassen, die Handgriffe in den Waffen einzuülben, 
welche in den Niederlanden in Gebrauch gekommen waren. Die 
Handlung des Commandirens schien ihm Vergnügen zu machen: er 
verachtete die Spöttereien, die er darüber erfahren mußte. Er ließ 
es sich auch später nicht nehmen, als er König geworden; sein Ba- 
taillon war die Grundlage des großen Regiments in Potsdam, in 
welchem er sein militärisches Ideal zu realisiren suchte. 
Auf diese beiden Dinge, Vermehrung und zweckmäßige Einrich- 
tung der Armee, richtete er, sowie er zur Regierung kam, sein vor- 
nehmstes Augenmerk. Gleich in den ersten Monaten hat er Alles 
umgestaltet, was Verpflegung, Kleidung, Wohnung anbetraf; er sagt 
es selbst, und Jedermann gesteht es ihm zu, daß er väterliche Für- 
sorge für seine Truppen gezeigt hat. Bald darauf erschienen seine 
Kriegsartikel, eine neue Bearbeitung der vom großen Kurfürsten ge- 
gebenen; mit den schärfsten Bestimmungen. Wer sich dem Amts- 
commando des Unterofficiers auch nur mit Worten widersetzt, wird 
mit Gassenlaufen bestraft: sollte einer aber thätlichen Widerstand 
leisten, der hat das Leben verwirkt. Die Artikel beruhen zuletzt auf 
den alten Ordnungen deutscher Landsknechte und erinnern noch hie 
und da daran, aber welch eine Umwandlung von jenem flüchtigen 
1) An Leopold von Anhalt 11. Aug. Ich muß üÜber die B. lachen. Mit 
der Feder wollen sie dem König Land und Leute schaffen: ich sage mit dem 
Degen oder er kriegt nichts.
	        
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