Vier Briefe über Bismarcks socialpolit. u. volkswirtschaftl. Bedeutung. 13
gleicht hier ganz Friedrich dem Großen, nur daß er, die hergebrachte
Manier diplomatischer Täuschung des Feindes verschmähend, mit meist
verblüffender Offenheit zuwege ging; er verzichtet damit freilich nicht
auf die von ihm genial gehandhabte Kunst, die Feinde Preußens zu
überlisten und zu Üüberraschen und auch in der inneren Politik seine
Gegner und seine Werkzeuge mit überlegener kalter Berechnung so zu
behandeln, so ins Gam zu locken, so auszuspielen, wie es für seine
Zwecke nötig war. Wer derartiges einem leitenden Staatsmann vorwirft,
kennt die Welt nicht. Daß aber mit diesen unentbehrlichen
staatsmännischen Eigenschaften gewisse menschliche Schwächen und Einseitigkeiten
gegeben find, wird sich nicht leugnen lassen. Das Wohlwollen
gegen andere wird sich meist bei solchen Männern in engen Grenzen bewegen;
Anerkennung für fremdes Verdienst ist nicht leicht zu finden;
Gerechtigkeit gegen Gegner ist fast nicht möglich; in den Feinden sieht
man nur Schurken und Dummköpfe, wie das ein so genauer Kenner
Bismarcks, Freiherr v. Tiedemann, als wesentliche Charakterzüge hervorhebt.
Auch das Nichtverständnis für die katholische Kirche und ihre
Priester, für die Bestrebungen der heutigen demokratischen Arbeiterwelt,
die starke, teilweise bis zum Haffe gehende Abneigung, die Bismarck für
die ihm abholden, anderen politischen Tendenzen folgenden Mitglieder
der königlichen Familie hegte, sowie für Diplomaten und Generale, die
er als mögliche Nebenbuhler betrachtete, seine Unterschätzung der preußischen
Beamten, besonders der „Geheimen Räte“, Unterstaatssekretäre und
Ministerkollegen — das alles hing wohl damit zusammen.
Aber so viel Bismarck auch durch Menschenverachtung und geringes
Wohlwollen gefehlt haben mag, das dürfen wir nie vergessen: die kalte
Uberlegung war die Bedingung seiner großen staatsmännischen Wirksamkeit.
Nur ein Mann, der alle Phrase und alle Pose durchschaute, der
frei von jeder Sentimentalität war, konnte Menschen und Verhältnisse
so meistern. Seine Kälte und sein ruhiger, überall ins Innerste dringender
Scharffinn waren doppelt nötig, da er, doch selbst von den stärksten
Leidenschaften beherrscht, diesen ein Gegengewicht geben mußte. Er sagt
selbst von sich, er habe oftmals zu rasch und zu unbesonnen gehandelt;
alle, die mit ihm verkehrten, wissen ein Lied darüber zu fingen, wie
schwer er Widerspruch vertrug, wie er jedenfalls im ersten Moment dagegen
leidenschaftlich und ungerecht auffuhr. Aber ebenso bekannt ist, wie
er sich zu beherrschen lernte, wie er, wenn man zuerst schwieg, nachträgliche
ruhige Einwürse anhörte, wie er jahrelang mit ihm verhaßten
und verachteten Menschen auszukommen, wie er im großen und kleinen
Maß zu halten verstand.