Full text : Der Deutsche Reichstag.

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Regierung  Deutschlands  der  Anreizung  zum  Kriege  anzuschuldigen,  das
ganze  Ausland  auf  diese  Weise  gegen  Deutschland  zu  hetzen,  das  ist
eines  deutschen  Volksvertreters  unwürdig.  Und  ich  will  diese  Politik
kennzeichnen,  damit  fortan  alle  Angriffe  dieser  Herren  vor  Deutschland
erscheinen  als  das,  was  sie  sind  und  nicht  als  das,  wofür  sie  sich  ausgeben
  —  als  Verbrechen  gegen  das  Vaterland.“  Stürmischer  Beifall
des  Reichstages  folgte  diesen  Worten,  der  Präsident  aber  bemerkte  darauf
„im  Interesse  der  parlamentarischen  Ordnung“,  daß  die  Ausdrücke,  die
Herr  Lasker  in  Beziehung  auf  das  Verfahren  von  Abgeordneten  soeben
gebraucht  habe,  dieser  Ordnung  nicht  entsprechend  seien,  und  daß  er  sie
deshalb  rügen,  und  den  Redner  zur  Ordnung  rufen  müssel

Es  war  das  dieselbe  Sitzung,  in  welcher  der  Reichskanzler,  auf  eine
Aeußerung  des  Kullmann  gestützt,  die  Worte  gebrauchte:  „Ja,  meine
Herren,  verstoßen  Sie  den  Mann  wie  Sie  wollen.  Er  hängt  sich  doch
an  Ihre  Röckschöße?  (Stürmischer  Beifall  rechts  und  links,  Toben  im
Centrum  und  häufige  Rufe  Pfui  aus  dessen  Reihen.)

Präsident  von  Forckenbeck:  Ich  bitte  um  Ruhe  und  muß  bemerken,
daß  der  Ausdruck  Pfui  nicht  parlamentarisch  ist.  (Andauernde  Unruhe).
—  Der  Herr  Reichskanzler  hat  das  Wort.

Fürst  Bismarck  fährt  fort:  Meine  Herren!  Der  Herr  Präsident
hat  schon  gesagt,  was  ich  von  dem  Herrn  Abgeordneten,  der  dort  auf
der  zweiten  Bank  sitzt,  rügen  wollte.  Pfui  ist  ein  Ausdruck  des  Ekels
und  der  Verachtung,  glauben  Sie  nicht,  daß  mir  diese  Gefühle  fern  liegen.
Ich  bin  nur  zu  höflich,  um  sie  auszusprechen.

Es  folgte  nun  eine  stürmisch  leidenschaftliche  Scene,  indem  viele
Abgeordnete  dem  ultramontanen  Grafen  Ballestrem,  von  welchem  der
Ausruf  Pfui  ausgegangen  war,  lebhafte  persönliche  Vorwürfe  machten.

Bald  darauf  gab  es  ein  schweres  Zerwürfnis  zwischen  dem  Fürsten
Bismarck  und  der  nationalliberalen  Partei,  die  sich  mit  einem  Mal  als
Schützenlinie  der  Ultramontanen  aufwarf.  Den  Anlaß  gab  die  Nachricht
  von  der  Verhaftung  des  Abgeordneten  Majunke  behufs  Verbüßung
einer  rechtskräftig  verhängten  Gefängnisstrafe.

Das  Berliner  Stadtgericht  zeigte  unterm  11.  Dezember  dem  Reichstage
  an,  daß  der  Abg.  Majünke  in  seiner  Eigenschaft  als  Redakteur  der
ultramontanen  Zeitung  „Germania“  durch  schließliches  Erkenntnis  vom
23.  September  1874  wegen  Beleidigung  des  Kaisers,  des  Reichskanzlers
Fürsten  von  Bismarck,  des  Staats-Ministeriums  2c.  zu  einem  Jahr  Gefängnis
  verurteilt  und  behufs  Verbüßung  dieser  Strafe  soeben  zum
Gefängnis  gebracht  sei.  Da  er  Mitglied  des  Reichstags  sei,  so  mache
das  Stadtgericht  dem  Präsidium  hiervon  Mitteilung.