Full text : Die Lügen unserer Sozialdemokratie.

—  28  —

Partei  in  der  Hand.  Denn  das  jeweilige  amtliche  Parteiblatt  gab
die  Losung  und  Ordre  aus  nach  jeder  Richtung  hin:  in  Betreff  der
politischen  Tages-  und  Jahresereignisse  und  der  Stellung  der  Partei
zu  denselben;  über  alle  Vorkommnisse  im  Innern  der  Partei,  in
anderen  Parteien,  in  der  Internationale;  betreffs  der  Stellung  der
Partei  zu  allen  diesen  Vorkommnissen;  über  die  Dinge,  welche  die
Jahresversammlungen  der  Partei  zu  beschließen  hätten  oder  be—
schlossen  hatten;  über  alle  Gesetzesvorlagen  und  Verhandlungen  des
Reichstages;  über  alle  Zeitgenossen  des  In-  und  Auslandes,  alle
literarischen,  künstlerischen  Werke,  alle  Erfindungen  und  Entdeckungen
der  Gegenwart;  über  die  ganze  Geschichte  der  Menschheit,  über
Religion,  Philosophie,  Sittenlehre,  Naturwissenschaft  und  vor  Allem
über  Volkswirthschaftslehre  oder  „Gesellschaftswissenschaft“.  In  allen
diesen  Dingen  war  das  Parteiblatt  (d.  h.  immer  und  unabänderlich
Herr  Liebknecht)  der  heilige  Dalai  Lama,  dessen  Koth  noch  das  Entzücken
  der  Gläubigen  erregt.  Willenlos  und  ohne  Murren  hatte
die  gesammte  Partei  sich  diesen  unfehlbaren  Offenbarungen  und
zwingenden  Geboten  zu  unterwerfen  bis  auf  den  heutigen  Tag,  und
that  es  auch  mit  dem  ihr  anerzogenen  Leichnamsgehorsam.  Wehe
dem,  welcher  sich  aufzulehnen  wagte!  Noch  Jeder,  der  Herrn  Liebknecht's
  Zuchtruthe  zu  trotzen  sich  erdreistet,  hat  sie  gründlich  gekostet.
  So  Hasselmann,  dem  sofort  nachgesagt  wurde,  er  habe  in
Hamburg  Hemden  gestohlen*)  —  und  doch  trug  Hasselmann,  als
ihm  dieser  Leumund  gestiftet  wurde,  seit  Jahren  selten  ein  frisches
Hemd  und  keinen  heilen  Rock  mehr.  So  erging  es  Most,  wie  wir
noch  sehen  werden;  so  auch  1890  und  1891  „den  Jungen“  in  Berlin
und  anderwärts,  welche  sich  gegen  den  Alten  vom  Berge  aufzulehnen
wagten.  Der  auf  dem  Parteikongreß  in  Halle  gestellte  Antrag,  die
scheußlichen  Verleumdungen  der  „Eisernen  Maske“  über  jene  Parteigenossen,
  welche  der  bekannte  Unbekannte  grundlos  als  „Polizeispitzel“
  gebrandmarkt  hatte,  zu  untersuchen  und  den  unschuldig
Verleumdeten  zu  ihrem  Rechte  zu  verhelfen,  wurde  durch  Herrn
Liebknecht's  Einschreiten  und  Einfluß  von  einer  Kommission  von
Strohmännern  —  welcher  sich  der  löbliche  Kongreß  selbstverständlich
blindlings  unterwarf  —  unbedingt  abgelehnt.**  )  Ein  Mann,  welcher
in  solcher  Weise  wie  Herr  Liebknecht,  der  gesammten  Partei  ihr
gesammtes  geistiges  Futter  vorschneidet  und  zumißt  —  sofern  überhaupt
  dabei  von  „Geist“  gesprochen  werden  kann  —  ihr  alle  Wissenschaft,
  alle  Religion,  allen  Glauben,  alle  politischen  und  wirthschaftlichen
  Grundsätze  gebieterisch  zurechtlegt  und  vorschreibt,  ihr  Thun

*)  Die  Hintermänner  der  Sozialdemokratie,  Berlin,  Conitzer  1890.
S.  58.
**)  Amtliche  Protokolle  des  Parteitages  in  Halle,  Oktober  1890.