206 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverbältnisse.
modernen Rechts- und Wirtschaftsordnung der Geldumlauf den Ansprüchen
und Bedürfnissen des Verkehrs entsprechend gestaltet wird.
Ebenso wie in England im Jahre 1798 dureh die Einstellung der freien
Silberprägung nicht etwa eine wirkliche Verkehrsnachfrage nach Silber
künstlich beschränkt, sondern wie durch diesen Akt. nur eine den
lebendigen Verkehrsbedürfnissen widersprechende Verdrängung des
Goldumlaufs durch einen Silberumlauf verhindert wurde, — ebenso
hat die Münzgesetzgebung in den Staaten des europäischen Kontinents,
nachdem die Goldfunde die Mittel zu einer den modernen Verkehrsbedürfnissen
besser entsprechenden Gestaltung der Zirkulation geliefert
hatten, überall dort eingreifen müssen, wo sich das Gold nicht automatisch
an Stelle des Silbers setzen konnte, oder wo der einmal gewonnene
Goldumlauf durch eine spätere gegenteilige Wirkung der
Münzverfassung aufs neue durch das Silber bedroht erschien.
Solange der starke indische Silberbedarf der 50er und 60er Jahre
große Silbermengen aus Europa nach Asien führte, vollzog sich für
die Staaten mit Doppelwährung die Verminderung des Silberumlaufs
und die Ausdehnung des Goldumlaufs ganz von selbst. Ein Eingreifen
der Gesetzgebung war nur insoweit notwendig, als es sich um die Erhaltung
der unbedingt notwendigen kleinen Silbermünzen handelte; im
großen Ganzen aber wirkte das bimetallistische System in diesem Falle
in einer den Wünschen und Bedürfnissen des Verkehrs entsprechenden
Weise. Deutschlands Bedürfnis nach einem Goldumlaufe dagegen konnte
nur befriedigt werden durch eine Abschaffung der gesetzlich bestehenden
Silberwährung und den Übergang zur Goldwährung. Auch für
die Doppelwährungsländer mußte — ganz unabhängig von Deutschlands
Vorgehen — ein Eingreifen der Gesetzgebung nötig werden,
sobald der außerordentliche Silberbedarf für den Osten nachließ und
dazu noch eine starke Vermehrung der Silberproduktion kam. Mit
dem Eintreten dieser Möglichkeiten mußte sich die Frage entscheiden,
ob das Silber den Teil seines monetären Absatzgebietes in Europa,
den es an das Gold verloren hatte, wieder würde gewinnen können.
Wie wenig damals ein wirklicher Verkehrsbedarf nach mehr Silber
in Europa existierte, das zeigte sich während der 70er Jahre besonders
auffallend in Deutschland, und zwar darin, daß der deutsche Verkehr,
nachdem die Preußische Bank bzw. die Reichsbank die Zahlungen in
Gold aufgenommen hatte, fortgesetzt große Beträge von Silbergeld in
Austausch gegen Goldgeld an die Reichsbank abgab. Von Mitte 1875
bis Mitte 1879 hat der deutsche Verkehr etwa 735 Millionen Mark
Silbergeld an die Reichsbank abgestoßen und etwa 695 Millionen Mark
Goldgeld aus der Bauk entnommen. Hier, wo der freie Verkehr sich
nach seinen wirklichen Bedürfnissen aus dem Metallvorrate der Zentralbank
versorgen konnte, trat es deutlich zutage, daß nicht nur kein