Full text : Gesetz- und Verordnungs-Blatt für das Königreich Bayern. 1912. (39)

gültiger  Sieg  errungen  sei,  obwohl  von  feindlicher  Seite  scheinbar  vorteilhafte
Bellugungen  angeboten  werden“.

Nachdem  es  auf  diese  Weise  vor  aller  Welt  festgestellt  worden  war,  daß
Rußland  trotz  der  furchtbaren  Schläge,  die  es  bieber  empfangen  patte,  nicht
daran  denke,  aus  dem  Bund  unserer  Feinde  auszuscheiden,  tat  der  Reichskanzler
im  Reichstag  den  ersten  Schritt  zu  einer  politischen  Offensive  im  Ginne  der
polnischen  Wünsche.  Er  erklärte:  „Geographische  und  politische  Schicksale  haben
selt  langen  Jahren  Deutsche  und  Polen  gegeneinander  zu  kämpfen  gezwungen.
Oie  Erinnerung  an  diese  alten  Gegensätze  mindert  nicht  die  Achtung  vor  der
Leldenschaft,  Baterlandellebe  und  Zähigkeit,  mit  der  das  polnische  Volk  seine
alte  westliche  Kultur,  selne  Freiheiteliebe  gegen  das  Russentum  verteidigt  und
auch  durch  das  Unglück  dieses  Krieges  bewahrt  hat.  Die  gleienerischen  Versprechungen
  unserer  Feinde  ahme  ich  nicht  nach.  Aber  ich  hoffe,  daß  die  heutige
Besetzung  der  polnischen  Grenzen  gegen  Osten  den  Beginn  einer  Entwicklung
dbarstellen  wird,  die  die  alten  Gegensätze  zwischen  Deutschen  und  Polen  aus  der
Welt  schafft  und  das  vom  russischen  Joch  befreite  Land  einer  glücklichen  Zukunft
entgegenführen  wird,  in  der  es  die  Eigenart  seines  natlonalen  Lebene  pflegen
und  entwickeln  konn.“

Oiese  Andeutung  des  Reichekonzlere  ist  der  erste  Hinwels  auf  eine  polltische
  Entwicklung,  deren  tragische  Zronie  erst  die  Geschichte  der  kommenden
Jahre  in  ihrer  vollen  Herbheit  erkennen  ließ.  Die  zähe  Ablehnung  jeder  Verständigung
  durch  den  Zaren  veranlaßte  die  Mittelmächte,  sich  ganz  auf  die
Seite  der  polnischen  Wünsche  zu  stellen  und,  wie  sie  durch  ihr  Schwert  die  ehemals
  polnischen  Lande  von  der  russischen  Herrschaft  befreit  hatten,  so  sich  nun
auch  politisch  ganz  als  Polens  Verbündete  aufzuwerfen.  Wie  Polen  ihnen  das
gedankt  hat,  weiß  heute  die  Welt.  Es  ist  ein  bitterer  Ausklang  der  ungeheuren
militärlschen  Großtat,  welche  die  Sommeroffensive  von  1915  bedeutete,  daß
sie  die  Grundlage  schuf  zu  dem  folgenschwersten  polltischen  Frrtum,  den  die
Mittelmächte  lm  Weltkriege  überhaupt  begangen  haben.

Daß  der  Zar  für  seine  Person  dliesen  Widerstand  ebensowenig  getragen
hat,  wle  er  seinerzeit  den  Eintritt  Rußlands  in  den  Krieg  perssnlich  herbeigeführt
  hat,  liegt  auf  der  Hand.  Selbst  wenn  er  mit  den  Mittelmächten  zum
Frieden  hätte  kommen  wollen  —  der  Panslawismus  hätte  es  nicht  geduldet.
Oer  hatte,  um  Bethmaonne  Worte  zu  gebrauchen,  in  Rußland  durch  das  Mittel  der
Partelen,  Zeitungen,  Vereine  und  industriellen  Komitees  eine  „Maschlnerie
dee  Krlegewillens“,  eine  „durch  das  Geld  der  Entente  und  die  ungeheuren
Verdienstmöglichkeiten  des  Kriegee  fortdauernd  genährte  und  in  sich  festgeschlossene
  Organisation  der  Kriegeleldenschaften“  entstehen  lassen,  die  in  der  Frledenefroge
  den  Zaren  bis  zu  selnem  Sturze  zur  Ohnmacht  verurtellt  hat.  Alcht
ln  Deutschland,  wohl  aber  in  Rußland  hat  es  tatsächlich  während  des  ganzen
Kregee  eine  starke,  ja  eine  allmächtige  Kriegepartel  gegeben.  Der  Kriegeausgang
  hat  an  den  Trägern  dieser  Bewegung  eine  furchtbare  und  wohlverdiente
  Rache  genommen.

Die  Westmächte  haben  es  mit  vollendeter  politischer  Meisterschaft  verstanden,
  den  russischen  Bundeegenossen  bei  der  Stange  zu  halten  bie  zu  dem
Augendlick,  do  das  von  seinen  Kriegehetzern  schlimmer  ale  von  selner  Krone

234