Full text : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

79]  Die  wichtigsten  deutschen  Seehandelsstädte.  505

Teile  Eppendorf,  Winterhude,  Uhlenhorst  in  ‚derselben  Zeit  um  mehr
als  50  %  gewachsen  bei  einer  Gesamtzunahme  der  Stadt  von  nur  9,13  %.
Eppendorf  zeigte  das  höchste  Wachstum  mit  60,95  %  und  hatte  in  der
vorhergehenden  Periode  sogar  ein  solches  von  109,27  %  erreicht!).  —
Aehnliche  Verhältnisse  weisen  die  Statistiken  der  anderen  Städte  auf.
Während  die  Altstadt  Bremens  im  Jahre  1895  3822  Einwohner,  weniger
hatte  als  im  Jahre  1842,  hatte  sich  die  Bevölkerung  der  östlichen,  westlichen
  und  nördlichen  Vorstadt  zusammen  um  mehr  als  das  Fünffache
(566,15  %)  vermehrt).  Ebenso  weisen  Königsberg  und  Lübeck  in  den
letzten  Jahrzehnten  einen  Stillstand  resp.  Rückgang  der  Einwohnerzahl
in  den  inneren  Stadtteilen  auf.  Die  übrigen  Städte  haben  keine  Kommunalstatistiken.
  In  einer  derselben  aber,  in  Stettin,  wird  diese  nach
außen  zielende  Bewegung  in  den  letzten  Jahren  besonders  auffallend
gewesen  sein.  Die  lange  Einzwängung  und  das  schnelle  Emporschießen
der  Vorstädte  lassen  dort  nach  der  Oeffnung  der  Thore  ein  förmliches
Ueberfluten  der  innenstädtischen  Bevölkerung  vermuten.

Die  geschilderte  Entvölkerung  der  inneren  Stadtteile  macht  sich
zunächst  aus  sanitären  Gründen  nötig,  sie  wird  aber  in  ihrem  Anhalten
unterstützt  durch  Gründe  des  Verkehrs.  Der  wachsende  Verkehr  bedarf
immer  größerer  Menschenmengen,  vergrößert  also  die  Einwohnerzahl
der  Stadt.  Gleichzeitig  braucht  er  immer  weitere  Räume  und  zwar
natürlich  in  möglichster  Nähe  des  Handelszentrums,  im  Innern  der
Stadt,  und  an  den  Häfen.  Die  Wohnungen  der  Menschen  müssen
infolgedessen  den  Einrichtungen  des  Verkehrs  Platz  machen.  Das  großartigste
  Beispiel  eines  solchen  Zurückweichens  der  ersteren  bietet  die
Errichtung  des  Hamburger  Freihafens,  bei  der  nicht  weniger  als
24000  Menschen  ihren  Herd  verlassen  mußten.

Aber  freilich,  während  des  größten  Teiles  des  Tages  sind  jene
Stätten  des  Handels  mit  Menschen  dicht  angefüllt.  Wie  in  London,
Berlin  und  anderen  Großstädten,  so  macht  sich  auch  in  Hamburg  und
in  kleinerem  Maße  in  Bremen  und  Stettin  jene  tägliche  Bevölkerungsbewegung
  immer  deutlicher  bemerkbar,  die  dadurch  bewirkt  wird,  daß
Straßen-  und  Stadtbahnen  jeden  Morgen  Tausende  und  aber  Tausende
von  Einwohnern  der  inneren  Stadt  zuführen,  um  sie  am  Abend  in  die
peripherischen  Stadtteile  zurückzubefördern.  Das  Stadtzentrum  gleicht
einem  riesigen  Polypen,  der  jeden  Morgen  seine  Fangarme  in  Gestalt
der  Eisenschienen  nach  allen  Richtungen  ausstreckt,  um  arbeitsfrische
Menschen  herbeizuziehen,  die  er  dann  erst  am  Abend  wieder  freıläßt,
nachdem  er  ihre  Kräfte  tagsüber  aufgezehrt  hat,

Ueber  die  berufliche  Beschäftigung  der  Bevölkerung  unserer  Städte
gieht  die  nachstehende  Uebersicht  Auskunft,  die  nach  den  Angaben  der

.R.St.  N.  F.  107  u.  109  berechnet  ist  und  die  Resultate  der  Berufszählung
  vom  14.  Juni  1895  wiedergiebt.

1)  Statistik  des  Hamburger  Staates  Heft  19,  1.  Hälfte,  8.  9.
®)  Jahrbuch  für  Bremer  Statistik  1896,  S.  37.