Volltext : Der Weltkrieg. II. Band. (2)

Italiens  Abkehr  vom  Dreibund

 

was  sich  in  den  geheimen  diplomatischen  Verhandlungen
abspielte:  Das  neue  italienische  Kabinett,  umworben
von  Versprechungen  und  bedrückt  von  Drohungen  der
Entente,  getrieben  von  dem  sich  immer  mehr  erhitzenden
Nationalismus  und  Irredentismus  der  Straße,  dabei  dem  Zug
des  eigenen  Herzens  folgend  und  fast  mehr  schiebend  als
geschoben,  verlangte  von  Österreich-Ungarn  die  im  Dreibundvertrag
  vorgesehene  Kompensation  unabhängig  von
dem  tatsächlichen  Eintritt  der  zu  kompensierenden  österreichisch-ungarischen
  Machterweiterung  auf  dem  Balkan,
lediglich  auf  Grund  der  damals  von  der  österreichischungarischen
  Armee  eingeleiteten  und  dann  so  unglücklich
verlaufenen  neuen  Operation  gegen  Serbien;  es  verlangte
die  Kompensation  nicht,  wie  es  dem  Sinn  des  Vertrages  entsprach,
  auf  dem  Balkan,  sondern  es  richtete  seine  begehrlichen
  Augen  auf  Trient  und  Triest;  es  forderte  schließlich
  nicht  eine  Kompensation  für  später,  sondern  sofortige
Auslieferung  der  verlangten  Gebietsteile.

Eine  Gefühlspolitik  hätte  diese  Zumutungen  auf  jede
Gefahr  hin  mit  Entrüstung  zurückgewiesen.  Aber  Gefühlspolitik
  verbot  sich  für  die  Mittelmächte  bei  der  ernsten
Lage,  in  der  sie  sich  befanden,  von  selbst.  Es  galt,  Figuren
zu  opfern,  um  nicht  mit  Sicherheit  das  Spiel  um  die  eigene
Existenz  zu  verlieren.

Die  deutsche  Regierung  schickte  den  Fürsten  Bülow,  der
sich  zur  Verfügung  gestellt  hatte,  als  außerordentlichen
Botschafter  nach  Rom,  damit  er  als  bester  Kenner  der

  67