84 Aussprache.
soll. Diese Frage beantworte ich mit einem glatten Nein. Ich bin
nicht der Meinung, daß wir auch nach dem Kriege noch nötig
haben werden, durch irgendeine gesetzliche Maßnahme den Sparzwang
aufrecht zu erhalten, sondern ich habe das Gefühl — und meine
Kenntnis der Verhältnisse im Arbeiterleben gibt mir darin Recht —,
daß wir innerhalb unserer Arbeiterjugend eine überwiegende Mehrheit
haben, die durchaus brav und tüchtig ist und die den verdienten
Lohn ihren Eltern abliefert. Ich gebe zu, daß sie wohl auch einmal
sich eine Ausgabe leistet. Kann man aber heute sagen, daß die
Jugend so überaus verrottet sei? In der heute üblichen Form stimmt
das nicht. Das Lied ist uns schon gesungen worden, als wir selbst
noch jung waren. Wenn ich mich an meine eigene Jugend erinnere,
so wurde mir von meinen eigenen Eltern gesagt, die Jugend ist so
verkommen, die taugt nichts mehr. Das Lied wurde von einer
Generation zur anderen gesungen. Vor einem Jahre wurde von der
„Berliner Volkszeitung“ bei Lehrern und Erziehern eine Rundfrage
über die sittlichen Verhältnisse der Jugend überhaupt unternommen.
Diese Rundfrage hat ergeben, daß die übergroße Mehrheit der Lehrer,
die sich damit beschäftigt hat, zu dem Resultate gekommen ist, die
Jugend ist heute nicht schlechter, als sie früher gewesen ist. Und
wenn die Jugend nicht schlechter ist, so haben wir auch gar keinen
Grund, besondere Zwangsmaßnahmen für erforderlich zu halten, die
immerhin das Selbstverantwortlichkeitsgefühl zu untergraben drohen.
Ich gebe zu, daß jetzt in der Kriegszeit besondere Maßnahmen notwendig
sind. Ich bestreite das nicht. Ich weiß, daß ein Teil der
jungen Leute, die heute viel Geld verdienen, deren Väter im Felde
stehen, deren Mütter womöglich auch arbeiten gehen müssen oder
nicht Herr über den Jungen sind, ihren Verdienst nicht in der richtigen
Weise verwendet. Das gebe ich zu. Aber die große Mehrheit steht
doch wohl auf dem Standpunkte, daß sie sich infolge der Verhältnisse,
in denen sie steht, ihrer Pflicht bewußt ist und auch weiß, wieweit
sie zu gehen hat. Wenn jetzt im Kriege eine solche Maßnahme notwendig
war, schön, sie ist da, sie läßt sich nicht ändern. Aber eins
vermisse ich dabei, und das ist, daß man diese Art des Sparzwanges
viel zu schematisch eingerichtet hat. Man hat sich vorher mit den
maßgebenden Instanzen, die das Arbeiterleben kennen müssen, nicht
in Verbindung gesetzt. Es ist einfach von oben dekretiert worden.
Mir ist persönlich bekannt, daß eine Frau, die einen erwerbsfähigen
Sohn und außerdem noch kleinere Kinder hat — der Mann ist im
Felde —, von dem Sparguthaben etwas abholen wollte, weil Krankheit
eingetreten war. Sie hat Bittgänge machen müssen, wer weiß,
wie weit, und bekommen hat sie nichts, trotzdem das Geld der
Familie zusteht. In solchen Fällen ist die Härte zu groß, wenn man
mit aller Gewalt versucht, das Geld auf der Sparkasse zu lassen, anstatt
es an der Stelle zu verwenden, wo es die Not lindern kann. Das
sind Härten, die nicht dazu beitragen, die innere Geschlossenheit
unseres Volkes zu heben und zu fördern, das erzeugt Verbitterung,
und ich meine, wir müssen heute alles versuchen, um jede Art von Verbitterung
innerhalb unseres Volkes zu vermeiden. Wenn dann nach