Full text : Zwang und Freiheit in der Jugendpflege.

34  Dr.  Aloys  Fischer.

—  unter  dem  Namen  der  Selbstregierung  wird  nicht  mehr  selten  in
unseren  Schulen  ein  System  der  Selbstverwaltung  der  Jugendlichen
gut  und  erfolgreich  durchgeführt  —,  wieviel  müssen  wir  dann
bei  den  wesentlich  lockereren  Formen  der  Arbeitsgemeinschaften
pflegerischer  Art  auf  diesen  Faktor  der  Freiheit,  die  Freiwilligkeit  der
Wahl  und  Teilnahme,  der  eigenen  Betätigung  und  Selbständigkeit
der  Jugendlichen  Rücksicht  nehmen!  Auf  dem  Boden  der  Freiwilligkeit
  kann  sich  auch  jenes  Vertrauensverhältnis  herausbilden,  das  dem
Erwachsenen  erst  das  Herz  der  Jugend  erschließt,  ihm  erzieherische,
formende  Gewalt  gibt,  von  dem  wir  schon  gesprochen  haben.

Meine  Damen  und  Herren,  ich  wollte  zunächst  Zwang,  Freiheit
und  Freiwilligkeit  ganz  allgemein  als  Erziehungsmächte  charaktertsieren.
  Ich  wollte  dann  zeigen,  wie  sie  in  der  Jugendpflege  technisch
ausgestaltet  werden  können,  und  ich  wollte  die  pädagogischen  Chancen,
die  diese  drei  Prinzipien  der  Jugendpflege  darbieten,  vor  Ihnen
entwickeln,  indem  ich  Ihnen  zunächst,  wesentlich  vom  Standpunkte
der  Jugendpsychologie  aus,  die  Erziehungsmächte  Zwang,  Freiheit
und  Freiwilligkeit  charakterisierte.  Ebenso  muß  meines  Erachtens
die  Charakterisierung  lauten,  wenn  wir  nun  die  pflegerische  Arbeit
selbst  ins  Auge  fassen.  Was  hat  denn  die  Jugendpflege  für  eine
innere  Aufgabe?  Da  Ihnen  diese  Aufgaben  bekannt  sind,  da  Sie
selbst  wissen,  was  in  der  Jugendpflege  alles  steckt,  so  möchte  ich
diesen  Teil  meiner  Ausführungen  kürzer  fassen.  Auch  hier  wird  sich
zeigen,  je  tiefer  Sie  die  Aufgabe  der  Jugendpflege  als  eine  Beeinflussung
  des  sittlichen  Wachstums  der  Persönlichkeitsentwicklung
fassen,  um  so  unvereinbarer  ist  mit  pflegerischer  Arbeit  der  Zwang
zu  ihrer  Organisation  und  in  ihrer  Organisation.

Wenn  wir  die  heutige  Jugendpflege  betrachten,  so  zeigt  sich  ein
großer  Reichtum  der  Gebiete  und  Inhalte  ihrer  Arbeit.  Ein  großer
Teil  der  bestehenden  Jugendvereine  und  Pflegeeinrichtungen  dient
der  Leibes--  und  Gesundheitspflege  der  Jugendlichen.
Ich  denke  dabei  an  die  im  „Jungdeutschlandbunde“  zusammengefaßten
  Vereine,  aber  auch  an  viele  andere  Organisationen.  Die
Leibesübungen  sind  für  die  Jugend  nicht  bloß  nötig  als  Gegengewicht
  gegen  die  Schädlichkeiten  des  Lebens,  die  starke  Beanspruchung
  in  der  Schule  und  Berufsarbeit,  in  Werkstatt  und  Fabrik,
sie  entspringen  nicht  nur  hygienischer  Vorsorge,  sondern  entsprechen
  auch  einem  echten  Interesse  der  Jugend.  Sich  regen  und
tummeln,  die  Kräfte  messen  im  Kampf-  und  Wettspiele  hat  die
Jugend  immer  gereizt  und  gefreut.  Vielfach  wird  die  Leibespflege
vertieft  durch  eine  stärkere  Teilnahme  am  Leben  des  Volkes,  eine
intimere  Kenntnis  der  Heimat,  ihrer  Landschaften,  Baudenkmäler,
Sitten,  wie  in  den  Wandervereinen,  oder  durch  die  Pflege  ästhetischer
Werte,  des  Gesanges,  oder  durch  Gesinnungsmomente  wie  in  der
deutschen  Turnerei.  Sicher  ist,  daß  die  Leibespflege  immer  und
unvermeidlich  auch  für  die  Zucht  des  Willens,  die  Einfügung  in  ein
Ganzes,  die  geistige  Beherrschung  segensreiche  Folgen  hat.  Ich
komme  auf  diesen  Inhalt  der  Jugendpflegearbeit,  die  körperliche