106 Max Lenz.
Darum verwarf er die Entwürfe zur Bundesverfassung, welche Savigny
und Max Duncker ausgearbeitet hatten: sie schnitten, erklärte er, zu tief
in die Selbständigkeit der Einzelstaaten ein; aus dem Kopi diktierte er
dem getreuen Lothar Bucher an einem Nachmittag die Verfassung, auf
der das neue Deutschland ruht. Daher widersetzte er sich auch den
Plänen des Kronprinzen auf eine festere Ausstattung der Kaiserkrone
und der Centralgewalt, und den verwandten Projekten der Liberalen
wie der Konservativen, die seltsamerweise, wie verschieden auch ihre Absichten
waren, darin zum Teil zusammentrafen. Von da aus versagte er
sich allen unitarischen Tendenzen im Sinne Treitschkes, wie dem Gedanken,
Elsaß-Lothringen an Preußens Kronreif zu schmieden, nachdem
es doch durch die gemeinsamen Anstrengungen gewonnen, und gerade
die Süddeutschen bei Weißenburg und Wörth, vor Straßburg und Belfort
Schulter an Schulter mit altpreußischen Regimentern gefochten
hatten: wollte er das Fundament seines Werkes befestigen, so durfte das
alte deutsche Land weder an Preußen noch an Bayern oder Baden gegeben
oder verteilt werden, sondern mußte wieder werden, was es in
den alten Zeiten gewesen war, ein Land des Reiches. So war aufs
allerbeste das gleiche Interesse der Bundesstaaten an ihm gewahrt als
an dem Schlußstein der deutschen Einheit, den Bismarck schon in Frankfurt
an der Südwestecke gesetzt sehen wollte; der „Schlüssel zum deutschen
Hause“ blieb in gemeinsamer Verwahrung. Die Annexion selbst hat
Bismarck unter diesem Gesichtspunkt vollzogen, nicht aus der nationalen
Idee heraus, die das verlorene deutsche Gut an den Vogesen brausend
forderte: sondern weil er die alte Ausfallspforte Frankreichs schließen
und zum sicheren Thor seiner friedlichen Nation machen wollte: der Gejahr
eines Rheinbundes war somit auf alle Zeiten der Riegel vorgeschoben.
Wie oft hat er später erklärt, daß es sonst ein Fehler von
ihm gewesen wäre, Metz und Straßburg den Franzosen zu entreißen!
Seinen alten Freunden und Gefinnungsgenossen, Männern wie
Moritz von Blanckenburg und Noon, erschien es nach 1870, als sei er
ganz in das liberale Fahrwasser geraten, und fie schalten wohl über
seine „Verdeutschung à tout prixz.“ Er hingegen beklagte sich wieder
bitter über die „Desertion der Konservativen.“ In der That aber blieb
er, wie gewaltig er auch fortschreitend sich und Deutschland mit ihm
wandeln mochte, auf den alten Bahnen. Preußische Staatsgesinnung
war es, unter die er vergebens den Klerikalismus zu beugen versuchte,
fridericianisch ebensosehr wie die Socialpolitik der achtziger Jahre: mit
Friedrichs Beispiel hatte er auch diese Gedanken längst zuvor begründet.